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Die Berliner Märchentage 2017

Märchen sind eines unserer Verlags-Spezialgebiete. Nicht unbedingt die traditionellen Märchen, wir haben uns darauf verlegt, diese Mächen neu zu erzählen. Über hundert Autoren sind bereits an diesem Projekt beteiligt. In diesem Raum unseres Lesesaals bekommen Sie während der Berliner Märchentage 2017 einiges zum Thema Märchen zu sehen und zu lesen. Wir freuen uns auf Ihren Besuch!
P.S.: Die Inhalte werden nach dem Ende der Märchentage natürlich nicht einfach verschwinden. Wir werden sie noch eine ganze Weile danach online für Sie vorrätig halten.
Und wenn Sie die Märchentage direkt online besuchen wollen, finden Sie sie hier.

Tag 15 der 18 Märchentage

Bremer Stadtmusikanten-Rose

Bremer Stadtmusikanten-Rose

Eine Kordes-Züchtung von 2000 ist die Rose "Bremer Stadtmusikanten". Wieder von mir selbst fotografiert.

Wenn man seinen Garten mit Märchenrosen füllen möchte, hat man ganz offensichtlich eine große Auswahl. Mit Farbschwerpunkt prinzessinnenrosa.

 

Sozialrede

Bremer-Stadtmusikanten

Der Autor Clemens Mentiri hat diese Sozialrede verfasst und gesprochen. Bitte entschuldigen Sie die amateurhafte Qualität, die Rede wurde (ganz offensichtlich) nicht im Tonstudio aufgenommen, sondern sozusagen in freiner Wildbahn mit dem Windows-eigenen eingebauten Laptop-Mikrophon.

Über die wohl berühmteste Rentner-Band aller Zeiten

(Die mit dem tierischen Sound)

Tag 14 der 18 Märchentage

Froschkönig in ultrakurz

Froschkönig-QR-Code

Sehr lang ist das Froschkönig-Märchen ja nicht. Aber selbst ein kurzes Märchen lässt sich in unserer schnellebigen Zeit noch weiter einkürzen, wie dieser QR-Code beweist.

Unsere Märchenkarte Nr.3

Froschkönig-Karte

Nirgends im Märchen findet sich ein Grund, warum die Königstochter überhaupt mit einem goldenen Ball spielte. Immerhin ist Gold verdammt schwer. Und teuer. Und dann ist sie auch noch so selten dämlich, ausgerechnet neben einem Brunnen damit Werfen zu üben. War ja nur eine Frage der Zeit, bis der Ball darin verlorenging.

Den Grund für den goldenen Ball haben wir immerhin inzwischen klären können, er steht auf der Karte, die Sie wieder, wie schon die anderen Märchen-Karten, für 1,50 Euro beim Machandel Verlag erstehen können.

Tag 13 der 18 Märchentage

Märchenzauber-Rose

Märchenzauber-Rose

Eine Kordes-Züchtung von 2015 ist die Rose "Märchenzauber". Das Bild stellte wieder freundlicherweise der Züchter zur Verfügung. Dezenter Hinweis meinerseits: Die mehr als 100 Rosen um mein Haus stammen fast alle von diesem Züchter. Bislang hatte ich keine Ausfälle. Die Rosenzucht-Gärtnerei liegt in Norddeutschland, folglich fühlen sich ihre Rosen bei uns im Norden besonders wohl.

Und nein, mein Haus ist keine Version des Dornröschen-Schlosses. Ich bevorzuge es, ohne Heckenschere hineinzukommen. Sprich: niedrige Rosen. Möglichst nichts, was größer wird als ich selbst. Ich hasse Leitern beim Blumenpflücken.

 

P.S.: Sie glauben nicht, dass man zum Rosenpflücken Leitern gebrauchen kann? Ich habe einmal den Fehler gemacht, eine ganz normale Strauchrose unter einen Apfelbaum zu pflanzen. Die Rose sah überhaupt nicht ein, weshalb sie unten bleiben sollte, wo oben doch soviel mehr Sonne war. Also wuchs sie, bis ihre Triebe oben aus dem Apfelbaum heraussahen, und entfaltete dann dort ihre Blüten. Wie schon gesagt, eine ganz normale Strauchrose. Die, von denen es in der Gärtnerei heißt, sie würden so anderthalb Meter hoch.

Zugegeben, der Baum sah mit den Rosenblüten irgendwie gut aus.

Wahre Liebe aus: Die Erben der Karavane

Hauffs Märchen Update 1.1

Autorin Tina Krause

 

Ich trank noch einen Kaffee und nahm dann die Servietten zur Hand, die sie mir gegeben hatte. Darauf las ich:

Mein Liebster, es war ein Wink des Schicksals, der dich hierher und uns zusammen geführt hat. Warum, das wirst du bald wissen.
Auch in meiner Familie gibt es eine Geschichte, die deiner sehr ähnlich ist. Allerdings werde nicht ich sie erzählen, denn das maße ich mir nicht an. Es gibt jemanden, der dies viel besser kann, als ich es jemals könnte. Du findest ihn in Iznik, in der Nähe von Istanbul, also nicht weit von hier, wo er sich derzeit aufhält. Er ist innig mit meiner Familie verbunden. Du wirst seine genaue Adresse bei deiner Abreise erhalten. Bestelle ihm einen Gruß von mir, dann wird er dir vertrauen.
Auf bald, deine Shahé"

Sofort stand ich auf, um zur Rezeption zu gehen. Dort fand ich einen Umschlag mit einer Visitenkarte - ohne Namen, nur eine Adresse - die nach ihrem Parfum duftete.
Ich machte mich direkt auf den Weg, um eine Verbindung nach Iznik herauszufinden. Schon drei Stunden später war ich auf dem Weg zum nächsten Ziel meiner abenteuerlichen Reise.
Auch diese Fahrt war aufregend, anregend, ein Erlebnis, von dem ich noch meinen Enkel werde erzählen können. Ich fuhr in einem völlig überfüllten Bus. Zwischen den Passagieren gackerten Hühner und eine Ziege knabberte an meinem linken Hosenbein. Den Geruch in diesem Bus schildere ich Ihnen besser nicht. Als ich schließslich in Iznik angekommen war, suchte ich meine Kontaktperson direkt auf, irgendetwas trieb mich dazu - vielleicht war es auch nur der Gedanke an Shahé, wer weiß?

Ich traf ihn in einem Café, ein reizender Mann Mitte siebzig. Später würde er mir sagen, er sei sechsundsiebzig Jahre. Nachdem ich mich vorgestellt hatte und von Shahé gegrüßt hatte, fasste er Vertrauen.

Sie können mich Muck nennen, meine Freunde nennen mich 'kleiner Muck'.“
Ich runzelte die Stirn.
„Ich sehe, Sie sind über diesen Namen verwundert, weil er Ihnen bekannt vorkommt. Nun, das liegt daran, dass ich derjenige bin, dessen Geschichte erzählt wird.“
Ich schaute ihn jetzt ungläubig an. DAMIT hatte ich nicht gerechnet. Wie konnte das sein und woher kannte Shahé ihn? Fragen über Fragen. Er sollte sie mir beantworten, eine nach der anderen.
So, wie Sie mich gerade anschauen, ist die Geschichte, in der Form, die Sie kennen, nicht vollständig. Das ist allerdings kein Wunder. Er gibt noch einen Teil, der wohl in allen Überlieferungen fehlt. Ich selbst hatte ihn vergessen, oder vielmehr, verdrängt, bis er mir schmerzlich in Erinnerung gerufen wurde. Als ich damals den Stock und die Pantoffeln stahl, übernahm ich einen Fluch, den ich nicht ernst genommen hatte, als ich von ihm gehört hatte. Der Fluch besagt, daß ich leben muss, bis ich eine Frau gefunden habe, die mich so liebt, wie ich bin, und zwar als alter, gebrechlicher Greis. Bis dahin werden die Pantoffeln immer mit mir weglaufen und der Stock dasjenige, welches der grösste Schatz auf Erden ist, suchen. Und solange muss ich leben, und glauben Sie mir, das Gerede vom ewigen Leben als Menschheitstraum kann ich nicht mehr hören!“
„Warum?“ fragte ich ihn. „Ist es so schlimm?“
„Schlimm? Schlimm ist kein Ausdruck. Wissen Sie, in Ihrem Alter ist es vielleicht reizvoll, ewig zu leben, Sie sind jung, gesund, gutaussehend, wortgewandt, charmant, wohlhabend.“
Ich wuchs innerlich ein paar Zentimeter, als ich ihn reden hörte.
„Natürlich war es so, dass ich in Ihrem Alter noch normal gelebt habe. Jedoch, ich wurde älter, erfahrener, aber auch gebrechlicher, mit jedem Jahr ein bisschen mehr. Und jetzt? Ich bin seit fast zweihundert Jahren ein Mann, der alle die Zipperlein hat, die man im allgemeinen mit sechsundsiebzig Jahren so hat. Und das, mein Lieber, geht mir langsam gehörig auf den Geist. Ich erzähle Ihnen noch etwas über diese Pantoffeln, die mich überall in Windeseile hinbringen. Ich bin, rein körperlich, sechsundsiebzig Jahre alt. Haben Sie eine Ahnung, wie es sich mit sechsundsiebzig anfühlt, mit einem Affenzahn durch die Gegend zu fliegen? Ein Wunder, dass ich mir noch nicht den Hals gebrochen habe, bei all den Stürzen. Außerdem sind meine Pantoffeln schon alt, haben inzwischen ein paar Macken, über die Jahrzehnte haben sie ein gewisses Eigenleben entwickelt. Sie bringen mich auch mal an Orte, wo ich gar nicht hinwill.“
„Und?“ fragte ich, „was ist daran so schlimm? Was ist schon dabei - dann sagen Sie einfach, wo Sie hinwollen, und ab geht’s.“
Sie haben gut reden - stellen Sie sich vor, Sie sind noch im besten Mannesalter ...“
Das konnte ich mir sehr gut vorstellen, bin ja schließlich quasi mittendrin im besten Mannesalter. Ich dachte an Shahé. „Jedenfalls, Sie sind gerade mit dieser wunderschönen Frau zusammen.“
Shahé!
„Und auf einmal werden Sie gegen Ihren Willen zu Ihrer Ehefrau gebracht, die Ihnen eine fürchterliche Szene macht!“
Plopp" - meine Seifenblase platzte, und das obwohl ich nicht verheiratet bin.
Sehen Sie, so etwas oder Ähnliches passiert andauernd, sehr lästig, spätestens dann ist die Ehefrau, meist aber auch die Geliebte weg.“
Aha, ein Kind von Traurigkeit schien er ja nicht zu sein, der kleine Herr, dachte ich.
Als habe er meine Gedanken erraten, sagte er: „Wissen Sie, man lebt nur einmal. Obwohl, zugegebenermaßen, ich lebe länger als die meisten, aber trotzdem muss man doch die Gelegenheiten nutzen, die sich bieten, oder?“
Unwillkürlich musste ich nicken.
„Jede, die nicht bei drei auf dem Baum ist“, sagten meine Freunde immer, wenn von meinen Frauen die Rede war, wobei ich das übertrieben fand, wählerisch war ich schon, sehr sogar.
Muck holte mich zurück aus meinen Gedanken: „Auch der Stock ist nicht mehr das, was er mal war. Er findet Schätze, in denen seltene Metalle und Erden drin sind. Sind heutzutage fast überall drin. Wissen Sie, wieviel Schrott ich finde? Einen klassischen Schatz, eine Kiste mit Gold oder Schmuck finde ich zum Glück gelegentlich auch noch, aber längst nicht mehr so häufig wie früher. Zum Glück reicht das, was ich finde, locker aus für meinen Lebensunterhalt. Eine Rente bekomme ich natürlich nicht, so etwas wie eine Rentenkasse gab es ja früher nicht, und zum Arbeiten bin ich zu alt.“ Er seufzte. „Andauernd muss ich meine Papiere ändern, und offiziell geht das nicht. Da kommt übrigens die Familie von Shahé ins Spiel. Seit Generationen sind sie u.a. im, nennen wir es mal, Kunsthandwerk tätig. Diese Tätigkeit vererbt sich, und so bin ich dort seit fast zweihundert Jahren Stammkunde. Auch muss ich immer wieder umziehen, die Leute stellen fragen, wenn man einfach nicht ins Gras beißt. In meinem Alter umziehen! Einen alten Baum verpflanzt man nicht so einfach, da ist was dran, das kann ich Ihnen sagen. Ich bin ein Zeitreisender wider Willen, was ich alles schon mitgemacht habe, erst Karawane, heute Flugzeuge, früher gab es den guten alten Harem, übrigens eine tolle Sache, wie ich finde, und heute? Heute geht es in den Swingerclub. Naja, nicht gerade eine Verbesserung für uns Männer; jedenfalls wenn Sie mich fragen. Zumindest nicht, wenn man die guten alten Zeiten erlebt hat, so wie ich. Aber das Internet ist toll, meine Nachrichten habe ich als junger Mann ja noch mit Brieftauben verschickt und jetzt - Ruck-Zuck ist es da mit der e-mail. Das ist eine Verbesserung, wirklich!
Sie hören es, ich bin es wirklich leid, aber ich habe das Gefühl, dass es hier, wo für mich alles begann, in der Stadt, in der ich geboren wurde, ein Ende nehmen wird. Im Vertrauen, ich habe gerade eine Frau kennengelernt, Anfang siebzig, wir scheinen Seelenverwandte zu sein. Hätte ich sie vor zweihundert Jahren kennengelernt, ich glaube, ich wäre der glücklichste Mann der Welt gewesen. Aber vielleicht musste ich so alt werden, um die wahre Liebe kennenzulernen.“ Er wischte sich verstohlen eine kleine Träne aus dem Gesicht.
Aber genug von mir gesprochen, Shahé hätte Ihnen nie von mir erzählt, wenn Sie nicht ein außergewöhnlicher junger Mann wären. Was machen Sie derzeit?“
Ich erzählte ihm von meinem Beruf und von meiner Berufung, die Erben der Karawane zu finden.

 

Auszug aus der Geschichte "Die Erben der Karavane", aus der Anthologie Hauffs Märchen Update 1.1 - Der kleine Muck hat Großes vor,

im Machandel Verlag im März 2017 erschienen, 400 Seite, 15,90 Euro,  ISBN-13: 978-3959590501

 

 

Tag 12 der 18 Märchentage

Irrtum

7-Zwerge

Endlich begriff Schneewittchen, warum Zwerg Otto sie immer so angehimmelt hatte und nie von ihrer Seite wich, und sie war schwer enttäuscht. Machten ihre fraulichen Reize wirklich soviel weniger Eindruck als ihr Smartphone?

Scheintot

Autor Gerd Münscher

 

"Tja, das war's dann wohl." Der stämmige Zwerg mit den feuerroten Rauschebart stemmt sich hoch. "Sie ist tot. Mausetot. Und diesmal wohl endgültig."
"Hast du auch ihr Haar durchsucht?"
"Hab ich."
"Und ihr Mieder aufgeschnürt?"
"Hältst du mich für blöd, oder was?"
Feuerbart und der Dünne mit dem Ziegenbärtchen funkelten sich einen Moment lang wütend an.
"Frieden, Frieden!" intervenierte Graubart, der Älteste von ihnen. "Immerhin stehen wir hier bei einer Toten! Benehmt euch!"
Feuerbart und Ziegenbart funkelten sich ein letztes Mal an, dann setzten sie bemüht traurige Mienen auf.
"Und was jetzt?", fragte einer, der für einen Zwerg recht lang gewachsen war. "Was machen wir jetzt mit ihr? Einbuddeln?"
"Bist du bekloppt?", grollte der Kleinste unter seinem Schnäuzer hervor. "Wo die Süße doch immer so Angst im Dunkeln hatte?"
"Aber einen Sarg braucht sie, egal, was wir mit ihr machen", entschied Graubart.
"Der ist auch dunkel!"
"Daran ist nun mal nix zu ändern."
"Aber sie fürchtete sich immer so!"
"Ich hab eine Idee", mischte sich der Zwerg mit dem Schmerbauch ein. "Bauen wir ihr doch einen Sarg aus Glas!"
"Biste bekloppt? Das ist viel zu teuer!", brüllten ihn unisono seine sechs Kumpel an.
"Ich dachte ja nur..."
"Obwohl...", überlegte der siebente und kratzte in seinen langen Koteletten. "Vielleicht reicht ja auch ein Fenster. Ein kleines Fenster. Das kostet nicht so viel."
"Blödsinn, kleine Fenster sind fast genauso teuer wie große", knurrte Graubart.
"Und wenn wir eines der Fenster aus dem Hühnerstall nehmen? Ich meine, den Hühnern ist das doch egal, ob sie zwei oder drei Fenster haben."
"Aber dann nicht das hintere", mischte sich Schnäuzer ein. "Ohne das hintere Fenster ist es zu dunkel, um alle Eier zu finden."
"Jaja, schon gut, nicht das hintere. Aber sonst- das mit dem Fenster aus dem Hühnerstall können wir machen. Abstimmen, Jungs! Wer ist dafür?"
Sechs Hände schossen in die Höhe. Sechs Augenpaare drehten sich dem siebten zu. Der Lange zuckte mit einem verlegenen Grinsen die Achseln. "Na ja, ich dachte nur- irgendwann sieht so eine Leiche nicht mehr gut aus. Wollt ihr das wirklich ansehen?"
Ratloses Schweigen.
"Aber die nächsten Tage noch nicht sofort", gab Ziegenbart schließlich zu bedenken. "Wir könnten sie ja noch ein paar Tage oberirdisch lassen. Solange sie noch frisch aussieht."
"Und sie hatte doch immer so viel Schiss im Dunkeln", hörte man die verloren klingende Stimme von Schnauzbart.
"Abstimmen!", kommandierte Graubart ein zweites Mal.
Diesmal gingen sieben Hände in die Höhe.

Wenige Stunden später war der Sarg fertig, mit Sichtfenster, mühsam befreit von 10 Jahren Hühnerkacke und Spinnweben. Mit alle Mann packten sie zu und hoben Schneewittchen hinein. Dann schloss Graubart den Deckel und nagelte ihn zu. "Fertig!", brummte er nach dem zwölften Nagel und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
"Und jetzt?"
"Keine Ahnung. Was macht man bei einer toten Prinzessin?"
Verlegenes Schweigen.
Schließlich trat Ziegenbart vor und nahm seine Zipfelmütze ab. Unbeholfen drehte er sie zwei, drei Male zwischen den Fingern.
"Tja, Schneewittchen, ich will nur sagen, dass mir das leid tut, wegen dir. Ich meine, du konntest zwar nicht richtig kochen, und auch nicht richtig putzen, aber nähen konntest du ganz gut, alle meine Knöpfe sitzen jetzt wieder fest an meiner Jacke, und du hast mir sogar noch einen schönen Rand gestickt. Also, ich finde, für eine Prinzessin warst du ganz in Ordnung. Ruhe in Frieden."
"Ruhe in Frieden!", pflichteten die anderen Zwerge im Chor bei.
Dann gingen sie wieder an ihre Arbeit.

Schnauzbart ging jeden Tag nachsehen, ob man den Sarg schon in die Erde stecken musste. Aber Schneewittchen sah erstaunlicherweise auch am sechsten Tag noch wie frisch aus.

Am siebten Tag klapperten um die Abendessenszeit herum Hufe. Neugierig kamen die Zwerge aus dem Haus. Ein Rappe, bei dessen Anblick Schmerbauch anerkennend pfiff, beladen mit einem goldgepunzten Sattel und einem goldgepunzten Zaumzeug, darauf eine stattliche Mannsgestalt in Brokat und Samt und mit einer langen Pfauenfeder am Barett.
"Habt ihr einen Schluck Wasser für mich und mein Pferd?", fragte er.
"Ja doch, gerne!"
Der Lange sprintete in die Küche und kam mit einer Schüssel Wasser zurück, in der ein Glas schwamm. Er füllte das Glas und sah fragend zu dem Fremden auf. Der rührte sich nicht aus dem Sattel, streckte nur fordernd die Hand aus. Der Lange machte einen linkischen Diener und reichte ihm das Glas hoch. Der Fremde betrachtete es mit einem leicht angeekelten Gesichtsausdruck, trank dann aber. Das Pferd hatte weniger Standesdünkel und soff bereits gierig aus der Schüssel.
Der Fremde hatte das Glas geleert, warf es dem Langen mit einer geringschätzigen Bewegung zu und wendete sein Pferd, noch bevor es seinen Durst vollständig gelöscht hatte. Schon wollte er ohne ein Wort des Dankes weiter, da brach sich ein Lichtstrahl in dem Glasfenster des Sarges.
"Was ist das?"
Der Fremde lenkte sein Pferd zum Sarg. Sah hinab durch das Fenster. Stieg ab. Sah noch einmal durchs Fenster. Kniete sich neben den Sarg. Strich mit seinem hellgrauen Wildlederhandschuh die dünne Staubschicht weg, die sich bereits darauf gesammelt hatte, und sah genauer hin.
"Oh!". entfuhr es ihm. Nach einer Zeit, die den Zwergen wie eine Ewigkeit dünkte, erhob er sich. "Wer ist sie?"
"Schneewittchen."
"Sie ist keine von euch!". Das war eine Feststellung, keine Frage.
Die Zwerge sahen sich an. Dann zuckte Graubart mit den Schultern. "Nein", antwortete er, "sie ist keine von uns. Sie ist uns zugelaufen. Hat gesagt, sie wäre eine Prinzessin."
"Eine Prinzessin!" Gieriges Funkeln trat in die Augen des Fremden "Gebt sie mir!"
"Warum sollten wir?", fragte Schmerbauch bockig. "Sie ist immerhin freiwillig zu uns gekommen und hat aus eigenem Entschluss bei uns gelebt!"
"Warum?" Der Fremde fingerte an seinem Gürtel herum und beförderte zwei Goldstücke hervor. "Darum, vielleicht?"
Jetzt erwachte der Geschäftssinn in Schmerbauch. Funkelndes Gold, das war allemal besser als eine Leiche, die bald endgültig vergammeln würde, und die der Fremde offensichtlich unbedingt haben wollte. Aber wenn der so besessen davon war...
"Das reicht nicht", verkündete Schmerbauch. "Sie müssen schon ein Goldstück für jeden von uns herausrücken!"
Der Fremde steckte seine Hand zurück in die Gürteltasche. Einen Moment befürchtete Schmerbauch, er hätte den Bogen überspannt. Aber dann kam die Hand wieder zum Vorschein. "Sieben Goldstücke!", stimmte der Fremde zu und warf ihnen die Münzen hin.
Während seine Kumpel sich auf den unerwarteten Reichtum stürzten, blieb Schmerbauch mit verschränkten Armen stehen und beobachtete den Fremden. Der hatte anscheinend die Existenz der Zwerge bereits aus seinem Gedächtnis gestrichen und beschäftigte sich wieder mit dem Sarg. Anscheinend wollte er ihn aufheben, aber das klappte nicht.
Keine Mukis, dachte Schmerbauch abfällig. Aber der Fremde arbeitete ja auch nicht im Bergwerk.
Dann versuchte der Fremde, den Sarg zu öffnen. Kein Erfolg. Natürlich nicht, Graubart verwendete nur stabile, selbst geschmiedete Nägel.
Der Fremde versuchte es mit seinem Messer. Wieder kein Erfolg. Er versuchte es an einer anderen Stelle. Die Klinge brach ab. Der Fremde stand wie zur Salzsäule erstarrt über dem Sarg.
Die Sonne berührte bereits die Tannenwipfel. Wenn sie den Fremden vor Einbruch der Nacht noch loswerden wollten, musste etwas geschehen. Schmerbauch marschierte in den Schuppen, schnappte sich eine große Zange, marschierte wieder heraus und warf dem Fremden die Zange zu. "Hier. Versucht's damit."
Der Fremde sah aus, als ob er in seinem ganzen Leben noch keine Zange gehalten hatte. Ratlos bewegte er das Werkzeug in seinen Händen. Schmerbauch konnte es nicht mehr mit ansehen. "Gib schon her", brummte er, schnappte sich die Zange und begann, die Nägel aus dem Holz zu ziehen. Gott sei Dank bestand der Sarg nur aus weichem Fichtenholz. Es dauerte keine fünf Minuten. Die anderen Zwerge, die ihre Münzen in den Händen hielten, hatten sich mittlerweile im Halbkreis aufgestellt und sahen interessiert zu.
Schmerbauch hielt die Luft an und öffnete den Sarg. Es quietschte und knarrte. Die paar Tage auf der feuchten Wiese hatten wohl schon gereicht, dass sich das Holz verzog. Schneewittchen... irgendwie sah sie immer noch total frisch aus. Schmerbauch vergaß vor lauter Überraschung, dass er die Luft anhalten wollte. Ein Atemzug- nur das Parfüm des Fremden stach ihm unangenehm in die Nase. Kein Leichengeruch, keine Verwesung, nichts. Was war das für eine Leiche?
Der Fremde ignorierte alles um sich herum. Er starrte Schneewittchen in höchster Verzückung an, kniete sich neben den offenen Sarg, streichelte ihre Hände, ihre Arme, ihre Brüste, ihre Wangen. Dann nahm er ihren Kopf in beide Hände und gab ihr einen langen, innigen Kuss.

Schneewittchen hustete. Der Fremde hustete auch, und spuckte ein Apfelstück heraus, das irgendwie bei dem Kuss zwischen seine Lippen gekommen war. Schneewittchen setzte sich auf und blickte verwirrt um sich. Der Fremde fuhr zurück.
"Sie ist gar nicht tot!"
"Offensichtlich!", konstatierte Schmerbauch erfreut.
"Aber- ich wollte doch eine Leiche!" Der Fremde schien alles andere als erfreut zu sein. "Ich habe euch eine Leiche abgekauft, keine Person, die nur so tat, als sei sie eine Leiche."
"Oh, sie hat gewiss nicht nur so getan", versicherte Schmerbauch. "Sie hat nicht mehr geatmet, und sie hat keinen Herzschlag mehr gehabt. Da muss ein kleiner Zauber in dem Apfel gewesen sein. Oder ein besonders gutes Gift."
Der Fremde hievte sich hoch und trat angeekelt zurück. "Nein, die will ich nicht. Ich habe für eine Leiche gezahlt, nicht für eine Lebende. Gebt mir mein Geld zurück."
"Kommt nicht in Frage", brüllte Rauschebart erbost. "Wir haben das Geschäft ohne Bedingungen gemacht, es war nie explizit von einer Leiche die Rede. Gekauft wie besehen, der Handel gilt!"
"Aber ich mag sie nicht!" Der Fremde klang jetzt wie ein weinerlicher, verzogener kleiner Bengel.
Die restlichen Zwerge begannen zu murren.
"Wenn ich auch einmal etwas dazu sagen darf..." Schneewittchens Stimme im Hintergrund zischte wie Trockeneis. Wie auf Kommando verstummten die Männer und sahen sie an. Sie erhob sich vollends, trat graziös aus dem Sarg, schwankte einen Moment, fing sich aber wieder, bevor ihr irgendwer zur Hilfe eilen konnte, und nahm kerzengerade Haltung an.
Zuerst visierte sie den Fremden an. "Du magst mich also nicht. Schön, das beruht auf Gegenseitigkeit. Ich mag dich auch nicht. " Sie musterte den Fremden von oben bis unten. "Ich vermute, unter dem ganzen Gedöns von Kleidung steckt ein ziemlich schwammiger Körper. Zumindest hat es sich für mich so angefühlt. Ich mag Männer mit Muskeln, aber keine mit Fett. Außerdem habe ich gelernt, dass Verträge, auch mündliche, immer und unter allen Umständen eingehalten werden. Dass du jetzt also den Handel rückgängig machen willst, finde ich moralisch sehr bedenklich. Um wieviel Geld geht es überhaupt?"
"Sieben Goldstücke."
"So, sieben Goldstücke. Da scheine ich dir ja nicht allzu viel wert gewesen zu sein. " Ihre Stimme klang noch kälter, soweit das überhaupt möglich war. "Soviel habe ich ja schon meiner ersten Kammerfrau als Weihnachtspräsent gegeben. Geizig bist du also auch noch."
"Aber..."
"Kein aber", fuhr sie dem Fremden über den Mund. "Du bist wie ich aus königlichem Geblüt, das sehe ich an deinem Wappen. Aus dem Hause Norderland, nicht wahr? Du solltest also den Wert einer Prinzessin kennen und ganz sicher nicht wegen lumpiger sieben Goldstücke anfangen, mit den Vertretern des lokalen Handwerks zu schachern. Ausserdem entnehme ich eurem Gespräch, dass du mich nur als Leiche lieben wolltest."
Erneut musterte sie den Fremden mit einem verächtlichen Blick.
"Ich habe ja schon mal gehört, dass König Norderland einen Sohn hat, der's nur mit Leichen treibt. Aber ich hielt das immer für ein Gerücht. Nun, ich habe mich wohl geirrt. Nur eines solltest du bedenken, lieber Prinz: Auf diese Art und Weise wirst du deinem Land kaum jemals einen Erben schenken."
"Na ja", murmelte sie dann, mehr zu sich selbst, " wer weiß, wozu's gut ist."
Der Prinz, der mittlerweile selbst weiß wie eine Leiche aussah und während ihrer Tirade immer weiter zurückgewichen war, stieß mit dem Rücken gegen sein Pferd. Haltsuchend griff er nach dem Steigbügel.
Das Pferd tänzelte zur Seite. Der Prinz fiel hin und landete mit dem Gesicht in einem Haufen frischer Pferdeäpfel. Die Zwerge begannen zu lachen. Mit hochrotem Kopf rappelte sich der Prinz auf, hievte sich nach zwei vergeblichen Versuchen mühsam in den Sattel, und suchte das Weite, so schnell sein Pferd noch traben mochte.

Der Hufschlag verklang. Schneewittchen musterte jetzt die sieben Zwerge. "So", sagte sie schnippisch. "Ihr habt mich also verkauft. Und das offensichtlich so schnell wie möglich. Und für nur sieben Goldstücke. Wenn meine Stiefmutter das erfährt, wird sie sich in Zukunft die Mühe sparen und euch gleich bestechen, dass ihr mich ausliefert. Ich denke, meine Zeit bei euch ist gewesen. Ich werde lieber weiterziehen."
"Aber, Schneewittchen...", sieben aufgeregte Stimmen erhoben sich, versuchten, ihr zu versichern, dass sie es doch so nicht gemeint hatten, und dass sie sie viel lieber gerettet hätten, wie schon die Male zuvor, und dass sie doch tot gewesen sei, und einer Leiche sei es doch egal, was mit ihr geschehe.
"War es mir aber nicht." Ihre peitschende Stimme ließ die Zwerge verstummen. "Ich mag ja scheintot gewesen sein, aber das ich im Kasten lag, habe ich doch gemerkt. " Ihre Stimme wurde weicher." Wenigstens war da das Fenster, und ich konnte das Licht sehen, sogar durch meine geschlossenen Lider." Sie musterte die Zwerge. Seufzte dann. "Na gut, vielleicht ist mein Entschluss etwas voreilig. Ihr habt immerhin etwas für mich getan, obwohl ihr mich für tot gehalten habt. Woher kommt überhaupt dieses Fenster?"
"Aus dem Hühnerstall", sagte Feuerbart.
"Da gibt es so ein helles Fenster?" Ehrliches Staunen lag in Schneewittchens Stimme. "Das ist mir beim Eier holen aber nie aufgefallen."
"Na ja, wir haben es halt gründlich geputzt", sagte der Lange.
"Und sogar neu verkittet!", steuerte Ziegenbart seinen Senf bei.
"Aber warum all die Mühe?" Schneewittchen sah sie ratlos an.
Schnauzbart versuchte ein vorsichtiges Lächeln. "Ich wusste doch, dass du immer Angst im Dunkeln hattest."
"Oh ihr... ihr....ihr Zwerge!" Schneewittchen begann zu lächeln.
"Ich weiß auch, dass du gerne Pfannkuchen magst", warf Graubart ein. "Und auf meinem Tellerchen in der Küche liegt noch ein halber, ungegessener Pfannkuchen!"
"Und am Tisch steht noch immer dein Stühlchen!" Schmerbauch strahlte sie an.
"Und dein Bettchen haben wir auch noch nicht verheizt!", rief Feuerbart aufgeregt.
Schneewittchens Lächeln ging in ein vergnügtes Lachen über.
"Männer!", sagte sie. "Aber immerhin habt ihr wenigstens Muskeln." Dann nahm sie Graubarts und Schnäuzers Hände und ging mit den sieben Zwergen zurück in das Zwergenhaus.

Und wenn sie nicht gestorben ist, dann lebt sie dort noch heute.

 

Aus: Grimms Märchen Update 1.3 - Frau Holles Versprechen,  einer kleinen Sammlung von 6 Märchen-Kurzgeschichten (von denen diese hier die längste ist). Bislang als Broschüre, demnächst als Minibuch im Machandel Verlag erhältlich.

 

 

Tag 11 der 18 Märchentage

Schneewittchen-Rose

Schneewittchen-Rose

Eine Kordes-Züchtung von 1958 ist die Rose "Schneewittchen". Aufgenommen habe ich sie im eigenen Garten. Eine jener Rosen, die ich liebe, weil sie wenig Stacheln hat, an denen man bei der Gartenarbeit hängenbleiben kann. Und für ein so altes Mädchen sieht sie noch verdammt jung aus.

Und wie man sieht: Die Rose passt ausgezeichnet zu der jungen Dame!

Schneewittchen-Rose

Außer natürlich, dass die Rosendame hinter den Sieben Bergen ganz offensichtlich eine hochgradige Apfel-Allergie hat. Wussten Sie, dass Rosen und Äpfel verwandt sind? Äpfel gehören tatsächlich zu den Rosengewächsen (Rosaceae). Und – sie sind tatsächlich giftig. Ein bisschen jedenfalls. Apfelkerne enthalten Spuren der hochgiftigen Blausäure, das, was auch die Bittermandeln giftig macht. Allerdings müssten Sie schon kiloweise Apfelkerne in sehr kurzer Zeit vertilgen, um sich tatsächlich damit zu vergiften. Unser Körper schafft es bei kleinen Mengen problemlos, die Blausäure sofort in der Leber unschädlich zu machen.

Tag 10 der 18 Märchentage

Wallpaper "Centaurenliebe"

Wallpaper Centaurenliebe

Und ein weiteres Wallpaper zum Thema der diesjährigen Berliner Märchentage: "Die Liebe ist eine Himmelsmacht".

Auch Centauren verlieben sich, und wie bei Menschen sind auch hier die Jugendlichen besonders von dieser Gefühlsaufwallung betroffen. Hormone, Hormone, Hormone ...

Wallpaper für PC, Tablet, Android und iphone, in den gängigsten Auflösungen, für Sie als Download. Das Bild ist verlagseigene Produktion. Zur freien Verwendung, solange Sie die Bilder nicht kommerziell nutzen.

Wallpaper-Download-Links

Leider können wir diese Wallpaper nur für die gängigsten Bildschirmgrößen anbieten. Ich hoffe, Sie finden etwas Passendes.

PC und Tablet:  1600x12001366x768, 1920x1080

Android:   360x640 (1080x1920)

iphone:  414x735 (1242x2208), 375x667 (750x1334) 320x568 (640x1336)

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Centaurenliebe

Tag 9 der 18 Märchentage

Dornröschenschloss Sababurg-Rose

Dornröschenschloss Sababurg-Rose

Eine Kordes-Züchtung von 1993 ist die Rose "Dornröschenschloss Sababurg". Auch dieses Bild gebrauche ich mit freundlicher Genehmigung des Züchters

Die Burg gibt es natürlich. Sie liegt mitten in Nordhessen, der Heimat der Grimms, und hat einige Attraktionen zu bieten. Ferienlandschaft mit Urwald und Tierpark. Märchenhaft.

Unsere Variante:

Rosenhecken-Karte

Eine "Fee 13" -Rose gibt es bislang noch nicht. Vielleicht ist das ja eine Anregung für die Züchter.

Bis dahin jedoch können Sie "Fee 13" nur als Klappkarte im Machandel-Verlag erwerben (1,50 Euro/Stück, mit Briefumschlag)

Und damit ihnen die Zeit bis zu dieser Züchtung nicht zu lang wird, gibt es hier noch ein Märchen.

 

Danach

Mira Draken

 

"100 Jahre sind eine verdammt lange Zeit", dachte der Königssohn, als er vor den armdicken Dornenstämmen stand. Zumindest hatten sie gereicht, das ganze Schloss in einem Rosendickicht verschwinden zu lassen. Falls tatsächlich in diesem grünen Klumpen noch ein Schloß steckte. Er war sich da nicht so sicher. Höhere Idiotie, das Ganze. Er bereute bereits, sich auf die Wette eingelassen zu haben. Na ja, mit zwei Flaschen Branntwein im Blut hatte er halt nicht mehr klar denken können.
Den alten Landkarten nach sollte hier in früheren Zeiten das Schloß Rosenau gestanden haben. Die berühmten Rosengärten von Rosenau hatte Königin Rosa die Sanftmütige seinerzeit von dem berühmten Gartenarchitekten Theodor Hagebutt anlegen lassen. Nach einem Rosengarten sah das hier allerdings nicht aus. Eher nach einem Dschungel.
Ohnehin war das Ganze ein schlechter Witz. Eine Königstochter, die von einem Fluch 100 Jahre schlafen gelegt worden war. Mitsamt dem ganzen Schloß und allem Drum und Dran. Natürlich hatten die abergläubischen Bauerndeppen der Umgebung das geglaubt, und über die vergangenen 100 Jahre hatte immer wieder der eine oder andere junge Abenteuerer versucht, in das Schloß einzudringen. Außer zerfetzten Hosen und zerstochenen Gesichtern hatte jedoch keiner etwas davon gehabt. Und jetzt mußte er aufgrund seiner dämlichen Wette in diesen aufgeblasenen Rosenbusch eindringen.
Unentschlossen stocherte er mit dem Schwert in den dünnen Blütenranken herum. Prompt federte einer der elastischen Zweige zurück und schlug ihm quer über das Gesicht. Das würde eine schöne Kratzspur geben! Wütend hackte er den Zweig ab, und weil er schon gerade so herrlich wütend war, hackte er weiter. Zweige, Blätter und rosige Blüten wirbelten in allen Richtungen davon. Sein Pferd zog sich vorsichtshalber ein paar Schritte zurück und schnaubte vorwurfsvoll.
Tok - das Schwert hatte sich in einem der dicken Stämme festgefressen. Mit einem wenig salonfähigen Fluch hebelte er es wieder heraus. Mit düsterer Miene konstatierte er, das seine nagelneue Solnhofner Klinge eine dicke Scharte aufwies. Das Schwert hatte ihn 800 Taler gekostet, und jetzt war es hinüber. Die Wette kam ihn bereits teuer zu stehen.
"Na schön, ruiniert ist es ohnehin, also mache ich weiter" dachte er und hackte wieder drauflos. Diesmal etwas vorsichtiger. Die dicken Stämme kriegte er ja ohnehin nicht klein, da säbelte er nur vorsichtig die Dornen herrunter. Einen Meter tief im Dickicht säbelte er dann nur noch, es war einfach kein Platz mehr für Schwertschwünge.
Und dann erreichte er die Mauer. Festgefügte, meterdicke Quader. Sein erster Gedanke "...da steckt tatsächlich ein Schloß drin !". Sein zweiter :" Scheiße, wo ist das Tor?" Also wieder raus aus dem Dickicht. Seine Stimmung war mittlerweile auf dem Nullpunkt. Nur der Gedanke an das hämische Grinsen seiner Zechkumpane hielt ihn davon ab, der ganzen Misere den Rücken zu kehren.
Noch mal von vorne, und diesmal strategisch gedacht. Logischerweise sollte das Tor dort sein, wo der Weg hinführte. Also rauf aufs Pferd und einen kleinen Ritt um das Rosendickicht gemacht. Tatsächlich fiel ihm eine Stelle auf, an der das Gras sehr dürr wirkte. Näheres Hinsehen förderte einige Pflastersteine im Gras zutage. Und das keine 20 Meter von der Stelle, an der er seinen erste Versuch gemacht hatte. Mit knirschenden Zähnen packte er sein Schwert und begann, eine neue Bresche in die Rosenmauer zu schlagen.
Bis er das Tor erreichte, war er schweißgebadet. Immerhin hatte sich jetzt auch der letzte Rest von Alkoholdunst aus seinem Gehirn verzogen. Wenigstens stand das Tor offen. Es hätte ihm gerade noch gefehlt, vor einem massiven Eisengitter zu landen. Mißtrauisch beäugte er die rostigen Spitzen, die oben aus der Decke sahen. Die würden wohl nicht gleich herunterfallen. Schlösser werden bekanntlich für die Ewigkeit gebaut.
In den Schloßhof hatte sich noch keine Rose verirrt. Dafür lag jede Menge Taubendreck auf dem Pflaster. Erst die Scharte im Schwert, und jetzt ruinierte er sich auch noch seine teuren Maßstiefel. Vorsichtig bewegte er sich zum Stall. In den spinnwebverhangenen Boxen lagen Pferdeskelette. Der Eingang zur Küche war gleich nebenan. Die halbverrottete Holztür bot keinen Widerstand, als sein Stiefel dagegen krachte. Auch hier nur Skelette. Der Koch, noch erkennbar an seiner schimmeligen Mütze, lag neben dem Herd, das Skelett daneben konnte nur der Küchenjunge sein.
Von wegen 100 Jahre Schlaf. Eigentlich ganz logisch- ohne tiefgefrieren ist wohl kein Schläfer solange haltbar.
Vorsichtig wanderte er weiter durchs Schloß. Überall dasselbe Bild, Skelette grinsten ihn höhnisch an. Weit und breit keine Königstochter zu sehen- nicht daß er auch nur die geringste Ahnung hätte, wie sich ein weibliches Skelett von einem männlichen unterschied. Den König erkannte er nur an seiner Krone. Das Skelett auf den Thron daneben trug ein umfangreiches Schlüsselbund an einem goldenen Gürtel. Er schnappte sich sofort die Schlüssel. Das war endlich mal ein lohnendes Ergebnis.
Und wirklich, nicht nur die Schatzkammer war gut gefüllt, sondern auch der Weinkeller. Grinsend saß er vor den vollen Fässern, in der einen Hand einen großen Beutel Gold und Edelsteine, in der anderen einen rubinroten Glaspokal mit 120 Jahre altem, gut abgelagertem Rotwein.
Jetzt fehlte ihm zu seinem Glück nur noch eine passende Braut, dann war er ein gemachter Mann. Er beschloß, auf dem Rückweg Lisette zu fragen. Die hübsche Kellnerin aus dem Gasthof zur Rose war ihm gegenüber immer freizügig mit ihren Reizen gewesen. Außerdem besaß sie mehr Verstand als die ganzen adeligen Hofhühner zusammen. Für Gold und Edelsteine ließ sich jede Frau königlich ausstatten, und einen passenden Adelstitel konnte er zur Not über ebay kaufen. Lisette würde seinen Eltern sicher gefallen. Seinen Vater auf jeden Fall. Und seine Mutter würde bei einer kleinen Demonstration seiner neuen Reichtümer auch keine Einwände mehr finden.
Als er hinausging, nahm er dem skelettenen König noch schnell die verstaubte Krone ab und setzte sie auf sein Haupt. Schließlich mußte er seinen Wettkumpanen doch einen Beweis für seinen Erfolg mitbringen.

 

Tag 8 der 18 Märchentage

Aschenputtel-Ultrakurz

Aschenputtel-QR-Code

In der Kürze liegt die Würze ...

... das wusste schon Aschenputtel, als ihr die Tauben in kürzester Zeit die Erbsen aus der Asche gepickt hatten.

Und der Prinz traf eine gute Wahl ....

Gute Wahl

Manchmal spielen eben praktische Erwägungen durchaus eine Rolle. Wie zum Beispiel der Duft dieser herrlichen Erbsensuppe. Liebe geht tatsächlich durch den Magen. das hatte schon Aschenputtels verstorbene Mutter immer gesagt, und ihrer Tochter deshalb ihre besten Kochrezepte hinterlassen.

Der Prinz wurde im Laufe der Jahre kugelrund. Seine Untertanen schätzten ihn sehr, denn er war viel zu zufrieden,um sie mit so unsinnigen Dingen wie Steuererhöhungen oder Kriegen zu ärgern. Und wenn Aschenputtel und er nicht gestorben sind ...

... dann speisen sie noch heute gemeinsam und füttern sich gegenseitig mit Leckerbissen, glücklich wie die Turteltäubchen.

Tag 7 der 18 Märchentage

Cinderella-Rose

Cinderella-Rose

Cinderella ist Aschenputtel, natürlich. Und die Rose zeigt Aschenputtel auf dem Ball, gehüllt in rosa Samt ...

Strauchrose Cinderella gehört zu den offiziellen Märchenrosen und wurde 2003 von Kordes gezüchtet. Wie jede wohlriechend parfümierte Prinzessin duftet sie auch.

Allerdings hatte Cinderella ein Problem ...

Cinderellas Problem

Naja. Auch Prinzen sind nicht perfekt, dachte sie und lief weiter.

Tag 6 der 18 Märchentage

Rapunzel-Irrtum

Rapunzel-Irrtum

Dummerweise hatte der Prinz nicht gemerkt, dass Rapunzel längst ausgeflogen war. Der alte Turmwächter seinerseits hatte nichts dagegen, auf diese Wiese ein wenig Gesellschaft zu bekommen, auch wenn er den bartlosen Jüngling zunächst etwas befremdlich fand.

Derweilen bei Rapunzel ...

Rapunzel allein

Nicht einmal bei Disney konnte sie so arbeiten, geschweige denn ein Date finden.

Von Liebe weit und breit keine Spur, auch wenn sie noch so viele Tage im Park saß und wartete. Rapunzel beschloss, sich umgehend die Haare wieder wachsen zu lassen und es dann bei Parship zu versuchen, Irgendwo musste sie doch die Liebe ihres Lebens finden - und in mehr als nur in der Gestalt eines bubihaften Prinzen.

Tag 5 der 18 Märchentage

Mermaid-Rose

Mermaid-Rose

Weiter geht es mit den märchenhaften Rosen. Die Kletterrose "Mermaid" ist nur wenig jünger als das Märchen von der kleinen Seejungfrau. 1878 wurde diese Rose gezüchtet, und das sie sich bis heute in den Gärten hält, zeugt wohl sehr eindeutig von Qualität. Sie kann bis zu 9 Meter hoch in die Bäume klimmen, duftet ein wenig und blüht, ungewöhnlich für ältere Rosenarten, mehrere Male im Jahr. Auch dieses Bild konnte ich in der Moorbaumschule Vennegerts in Georgsdorf aufnehmen.

Die kleine Meerjungfrau hat Hans Christian Andersen übrigens 1837 geschrieben.

Lesefutter mit Fischeinlage bis zum 25.11.

Andersens Märchen Update 1.2

Von heute an bis zum Ende der Märchentage wird es das Ebook "Andersens Märchen Update 1.2 - Meerjungfrauen auf Abwegen und andere Katastrophen" als Gratis-Download geben. Theoretisch in allen Webshops, von Amazon über Thalia und Weltbild bis ...

Falls Sie dieses kleine Märchenbuch mit 5 Kurzgeschichten moderner Fassungen von Andersens Märchen jedoch dort nicht finden (oder nur gegen Geld und Gold), können Sie sich das Büchlein auch hier herunterladen.

Tolino-Version (epub)      Kindle-Version (mobi)

Bis zum 25. November einschließlich.

Tag 4 der 18 Märchentage

Rotkäppchen-QR-Code

Rotkäppchen-QR-Code

Für diejenigen unter Ihnen, die wenig Zeit haben, gibt es heute eine Ultrakurzfassung des bekannten Märchens als QR-Code. Smartphone-Kamera drüberhalten, Foto machen, lesen.

Oder sie nehmen die Bilddatei und legen sie einem der QR-Code-Reader im Internet vor.

Aller guten Rotkäppchen sind vier ...

Verliebter Wolf

Nein, dies ist nicht die Bildversion des QR-Codes. Dieses ist noch eine weitere alternative Fassung des bekannten Märchens. Der Wolf ist wirklich, wirklich, wirlkich verliebt. Nur dass die größte Himmelsmacht Liebe leider nur dann tatsächlich funktioniert, wenn sie erwidert wird.

Tag 3 der 18 Märchentage

Märchenrose "Rotkäppchen"

Rotkäppchen-Rose, Bild-Copyright Züchter Kordes

"Rotkäppchen" ist eine weitere Züchtung vom Rosenzüchter Kordes, eine robuste, reichblühende, gefüllte Beetrose. Das Bild stellte mir die Firma Kordes freundlicherweise zur Verfügung.

Nun, nicht nur die Rose ist robust. Rotkäppchen war es wohl auch, immerhin hat sie ein Salzsäurebad im Magen des Wolfes unbeschadet überstanden, nachdem der sie zum Vernaschen gerne hatte. Dafür hat der Wolf Pech gehabt und sich eine Kugel eingefangen. Und sein Pelz verziert jetzt die Hütte des Jägers.

Vielleicht hätte er daran denken sollen, dass Rot immer auch ein Gefahrensignal ist. Ein junges Mädchen, alleine in gefährlicher Umgebung, scheinbar schutzlos, naiv, nichtsahnend, verführbar?

Er hätte sich besser an die Entenjagd letzten Winter erinnert. Und an die Lockvögel, die der Jäger auf dem künstlichen Teich hinter Großmutters Hütte immer eingesetzt hat.

 

Rotkäppchen ist nicht gleich Rotkäppchen

Rotkäppchen-Karte

Einmal abgesehen davon, dass diese Märchen älter ist als die Grimmsche Märchen-Sammlung, und zudem in verschiedensten Fassungen quer über die Welt verbreitet wurde: Wussten Sie, dass es bei den Grimm-Brüdern ursprünglich zwei verschiedene Fassungen von Rotkäppchen gab?

Einmal die bekannte, in der Rotkäppchen vom Wolf gefressen wird und der Jäger sie anschließend rettet. Und einmal diese (gefunden bei Grimmstories):

Es wird auch erzählt, dass einmal, als Rotkäppchen der alten Großmutter wieder Gebackenes brachte, ein anderer Wolf es angesprochen und vom Wege habe ableiten wollen. Rotkäppchen aber hütete sich und ging geradefort seines Wegs und sagte der Großmutter, dass es dem Wolf begegnet wäre, der ihm guten Tag gewünscht, aber so bös aus den Augen geguckt hätte: "Wenn's nicht auf offener Straße gewesen wäre, er hätte mich gefressen." - "Komm," sagte die Großmutter, "wir wollen die Türe verschließen, dass er nicht hereinkann." Bald danach klopfte der Wolf an und rief: "Mach auf, Großmutter, ich bin das Rotkäppchen, ich bring dir Gebackenes." Sie schwiegen aber und machten die Türe nicht auf. Da schlich der Graukopf etlichemal um das Haus, sprang endlich aufs Dach und wollte warten, bis Rotkäppchen abends nach Hause ginge, dann wollte er ihm nachschleichen und wollt's in der Dunkelheit fressen. Aber die Großmutter merkte, was er im Sinne hatte. Nun stand vor dem Haus ein großer Steintrog, Da sprach sie zu dem Kind: "Nimm den Eimer, Rotkäppchen, gestern hab ich Würste gekocht, da trag das Wasser, worin sie gekocht sind, in den Trog!" Rotkäppchen trug so lange, bis der große, große Trog ganz voll war. Da stieg der Geruch von den Würsten dem Wolf in die Nase. Er schnupperte und guckte hinab, endlich machte er den Hals so lang, dass er sich nicht mehr halten konnte, und anfing zu rutschen; so rutschte er vom Dach herab, gerade in den großen Trog hinein und ertrank. Rotkäppchen aber ging fröhlich nach Haus, und von nun an tat ihm niemand mehr etwas zuleide.

Diese zweite Fassung verschwand in den späteren Auflagen der Grimm-Märchen spurlos. Wahrscheinlich, weil die erste Fassung irgendwie spannender und gleichzeitig moralischer ist, schildert sie doch nach allgemeiner Meinung die sexuelle Verführung eines jungfräulichen Mädchens durch einen (bösen) Mann. Was nicht Liebe, sondern wohl eher ihre Kehrseite ist.

Falls Ihnen als dritte Variante die Briefkarte oben besser gefällt als die Original-Fassungen: Diese Karte können Sie für 1,50 Euro beim Machandel Verlag bekommen.

Tag 2 der 18 Märchentage

Wallpaper "Himmelmacht"

Wallpaper Himmelsmacht

Sie haben es sicher gelesen: Das Motto der diesjährigen Berliner Märchentage lautet: "Die Liebe ist eine Himmelsmacht".

Passend dazu wollte ich ein Wallpaper erstellen. Hm. Kitschige rote Liebes-Herzen? Abgelehnt. Schließlich verlegt der Machandel-Verlag neben den Märchen keine Liebesromane, sondern Fantasy. Also der zweite Bestandteil des Mottos: die Himmelsmacht. Und ein herrlich fantasy-mäßiges Himmelswesen ist in chinesischen Märchen der Drache.  Das also ist heute Thema.

Wallpaer für PC, Tablet, Android und iphone, in den gängigsten Auflösungen, für Sie als Download. Der Sternen-Hintergrund stammt von der NASA und ist gemeinfrei, der Drache ist verlagseigene Produktion. Zur freien Verwendung, solange Sie die Bilder nicht kommerziell nutzen.

Wallpaper-Download-Links

Leider können wir diese Wallpaper nur für die gängigsten Bildschirmgrößen anbieten. Ich hoffe, Sie finden etwas Passendes.

PC und Tablet:  1600x12001366x768, 1920x1080

Android:   360x640 (1080x1920)

iphone:  414x735 (1242x2208), 375x667 (750x1334) 320x568 (640x1336)

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Himmelsdrache

Tag 1 der 18 Märchentage

Märchenrose "Gebrüder-Grimm"

Gebrüder-Grimm-Rose

"Gebrüder Grimm" ist eine ARD-prämierte, zweifarbige Beetrose, Züchter Kordes, robust, öfterblühend und märchenhaft zweifarbig. Dieses Bild habe ich vor ein paar Jahren in der Moorbaumschule Vennegerts in Georgsdorf aufgenommen.


Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie das Wort "Märchen" hören? Vermutlich eines jener Märchen, die von den Brüdern Grimm gesammelt, aufbereitet und veröffentlicht wurden. Die Brüder Grimm sind, zumindest in Deutschland, ein Synonym für Märchen geworden. Und so wurden sie nicht nur in Märchentagen, Straßennamen und Büchern verweigt, es ist auch eine Rose nach ihnen benannt worden. Die "Gebrüder Grimm"-Rose.
Die Rose steht für Liebe. Allerdings auch, dank der Dornen, für Leid. Und es ist eine Pflanze, die in Märchen eine wichtige Rolle spielt. Sei es im Rosenelf aus der Andersen-Märchensammlung, dem Märchen von der Nachtigall und der Rose von Oscar Wilde, der Rosenkönigin von Ludwig Bechstein oder, bei den Grimms, in den Märchen Dornröschen, Schneeweißchen und Rosenrot, oder in dem plattdeutschen Kurzmärchen "Die Rose".
Liebe und Leid stehen auch im Märchen so eng beisammen wie Rosenblüten und Dornen.

Die Rose
Et was mal eine arme Frugge, de hadde twei Kinner; dat jungeste moste olle Dage in en Wald gohn un langen Holt. Asset nu mal ganz wiet söken geit, kam so en klein Kind, dat was awerst ganz wacker to em un holp flietig Holt lesen un drog et auck bis für dat Hus; dann was et awerst, eh en Augenschlägsken vergienk, verswunnen. Dat Kind vertelde et siner Moder, de wul et awerst nig glöven. Up et lest brochte et en Rause mit un vertelde, dat schöne Kind hädde em deise Rause gieven und hädde em sägt, wenn de Rause upblöhet wär, dann wull et wier kommen. De Moder stellde dei Rause in't Water. Einen Morgen kam dat Kind gar nig ut dem Bedde, de Moder gink to dem Bedde hen un fund dat Kind daude; et lag awerst ganz anmotik. Un de Rause was den sulftigen Morgen upblöhet.

Für diejenigen, die im Plattdeutschen nicht ganz sattelfest sind:

Es war einmal eine arme Frau, die hatte zwei Kinder. Das Jüngste musste alle Tage in den Wald gehen, um Holz zu holen. Eines Tages war es besonders weit gegangen. Da begegnete ihm ein kleines Kind, das ihm ganz artig und emsig Holz lesen half und es auch mit ihm bis nach Hause brachte. Dort verschwand es von einem Lidschlag zum nächsten.
Das Kind erzählte seiner Mutter davon, aber die wollte ihm keinen Glauben schenken.
Da brachte das Kind aus dem Wald eine Rose mit und erzählte, das schöne fremde Kind habe ihm diese gegeben und gesagt, wenn die Rose aufblühe, würde es zurückkommen.
Die Mutter stellte die Rose ins Wasser.
Eines Morgens wollte das Kind nicht aus dem Bette kommen, und als die Mutter nachsehen ging, da fand sie ihr Kind tot im Bettchen liegen, selbst jetzt noch anmutig anzusehen. Und gerade an diesem Morgen war die Rose erblüht.

Schneeweißchen und Rosenrot (Update)

Diese Märchentage sollen die Märchen auch in neuer Form zeigen! Deshalb lesen Sie hier aus dem Buch "Grimms Märchen Update 1.1 Froschkönig ungeküsst" eine aktuelle Neufassung von "Schneeweißchen und Rosenrot" als Leseprobe.

Schneeweißchen und Rosenrot

Autorin Ruth Kornberger

Königssöhne! Sie sind die Schlimmsten, das wird jeder Lehrer bestätigen. Seit ich die Stellung am Hof angenommen hatte, graute mir vor dem mündlichen Bericht, mit dem ich den König jeden Herbst über die Fortschritte seines Ältesten informieren sollte. Seine Majestät wusste, warum er kein schriftliches Zeugnis wünschte. Der Prinz war dumm, faul und verlogen. Pläne für Missetaten wucherten in seinem Hirn wie Schimmelpilze.

Ich stand vor dem König und kämpfte mit der Spitze meines Bartes, die sich um meine Finger geknotet hatte. Meine einst seidigen Kinnhaare waren vom Stress mit dem Herrschernachwuchs so klettig geworden, dass alles darin hängen blieb. Nach Spaziergängen glich mein Bart einem verfilzten Zopf Schafswolle, den jemand über den Waldboden geschleift hatte.
„Verehrter Herrscher“, sprach ich. „Der Prinz war leider auch dieses Jahr nicht in der Laune zu lernen.“
„Donnerwetter!“, grollte der König. „Da gebe ich einen Haufen Gold für Euch Zwerg aus, und womit dankt es der Junge?“
„Nun“, sprach ich. „Euer Sohn erfindet gern Geschichten, das kann er. Jedoch Rechnen, Tierkunde und die Historie Eures Reichs interessieren ihn nicht.“
Der König grunzte verärgert. Er nahm seine Krone vom Kopf und säuberte mit einem Zacken davon seine Fingernägel.
„Was schlagt Ihr vor, Zwerg?“
„Ich hörte, ein Aufenthalt in der Wildnis soll bei Jünglingen, wie Ihr Sohn einer ist, Wunder tun.“
„Er soll die Härte des Lebens erfahren?“
„Das könnte hilfreich sein.“
„Aber der Wald ist gefährlich.“
„Wir könnten ihn zu seinem Schutz in ein Tier verwandeln, zum Beispiel in einen Wolf.“
„In einen Wolf? Ausgeschlossen! Der Stand meines Sohnes verlangt nach gebieterischer Gestalt. Macht einen Bären aus ihm.“
„Aber Bären halten Winterschlaf. Ihr Sohn würde sich eine Höhle suchen und sie erst im Frühling wieder verlassen. Damit hätte er die kalten Monate verpasst und der Erziehungseffekt wäre verloren.“
„Ach“, der König setzte seine Krone wieder auf. Wie sein Sohn verabscheute er es, wenn die Dinge kompliziert wurden. „Dann sorgt ihr eben dafür, dass er wach bleibt.“

Der Zauberer kam gleich am nächsten Morgen in den Palast. Er verwickelte den Prinzen in eine Unterhaltung über die Vorzüge der neuen Küchenmagd und nahm wie nebenbei die Verwandlung vor.
„Reizen Sie ihren Zögling nicht“, riet er mir. „Er wird seine neuen Kräfte unterschätzen.“
Ich versprach, vorsichtig zu sein, und den Bärenprinzen nicht aus den Augen zu lassen. Allerdings bemerkte ich in dessen Verhalten kaum einen Unterschied. Die Lieblingsbeschäftigungen des Prinzen blieben die gleichen. Entweder er kickte einen Ball durch den Hofgarten oder er lungerte in den Salons herum und pulte die Füllungen aus den Samtsofas. Und was die Tischmanieren betraf, die waren schon vorher eine Katastrophe gewesen.

Beim nächsten Vollmond unternahmen der Prinz und ich eine Nachtwanderung. Ich hatte eine Höhle entdeckt, die trocken war, und in deren Umkreis es Eichhörnchen und gut genährte Igel in leicht zugänglichen Verstecken gab. Hier würde der Prinz weder erfrieren noch verhungern.
Im Eingang zur Höhle gab ich ihm einen Schubs und machte mich aus dem Staub. Der König hatte mir auferlegt, täglich nach seinem Sohn zu sehen. Dafür bezog ich weiterhin das volle Gehalt. In den ersten beiden Tagen beobachtete ich aus der Ferne, wie der Prinz umherstapfte und ungeschickt nach Vögeln schlug. Die fetten Igel schien er nicht zu riechen und die Eichhörnchen schaukelten unerreichbar in den Wipfeln der Bäume und lachten sich in die Pfötchen.
Am dritten Tag hatte der Prinz aufgegeben. Ich fand ihn schlafend in der Höhle. Schnarchen konnte er wie ein echter Bär. Drei Stöckchen brachen ab, bis ich ihn wachgepikst hatte, und auch dann wollte er immer wieder wegnicken. Ich drangsalierte ihn, bis er schwerfällig aufstand und aus der Höhle torkelte. Draußen irrte er durch die Bäume und schwang seine Tatzen wütend durch die Luft. Ich muss ihm sehr weit gefolgt sein, denn die Behausung, an die wir dann kamen, hatte ich auf meinen Erkundungsgängen nie gesehen. Es war eine bescheidene Hütte, mit dünnen Holzwänden und einem Moosvorhang als Tür. Der Bär brüllte und trat gegen die Wand. Mein Zwergenherz raste. Ich war unbewaffnet und hätte auch nicht gewusst, wer vor wem zu beschützen sei. Der Prinz war gereizt, aber die Bewohner möglicherweise wehrhaft. Hinter einem Busch versteckt, beobachtete ich, wie der Moosvorhang gelüftet und der Bär eingelassen wurde. Nachdem einige Zeit lang kein bedrohlicher Laut an meine Ohren gedrungen waren, wagte ich, durch das Fenster zu spähen. Mir bot sich ein Anblick, mit dem ich nicht gerechnet hatte.

„Das war wohl nichts“, berichtete ich am nächsten Tag dem König, der gerade ein Rosenöl-Fußbad nahm. „Euer Sohn hat gutmütige Menschen gefunden, die ihn vor ihrem Kamin schlafen lassen, eine Frau und ihre zwei Töchter. Die Mädchen haben dem Prinzen ausgiebig das Fell gekrault. Ich wette, er verbringt dort nun jede Nacht.“
„Was schlägst du also vor, Zwerg?“
„Was ich vorschlage? Ich bin Lehrer, kein Tierpfleger. Wie soll ich einen ausgewachsenen Bären davon abhalten, seine lieblichen neuen Freundinnen zu besuchen? Wir können nur warten, bis im Frühling die Kraft der Verwünschung nachlässt und der Prinz wieder zum Menschen wird.“
„Gut, aber Ihr passt weiter auf ihn auf. Ich weiß, das entspricht nicht Eurer Qualifikation, doch Gold hat noch jeden überzeugt, oder, Zwerg? Geht in die Schatzkammer und sucht Euch etwas Schönes aus.“
Der König wackelte mit seinen großen Zehen. Die Audienz war beendet.

Dieser Winter wurde der ungemütlichste meines Lebens. Bei Tage saß ich in einem windschiefen Baumhaus gegenüber der Höhle, in der der Prinz herumlungerte, bei Anbruch der Dunkelheit schlich ich ihm hinterher und harrte in einem noch windschieferen Baumhaus aus, bis er am Morgen die Hütte wieder verließ. Immerhin war ich nun wohlhabend. An meinen Fingern prangten Ringe, um meinen Hals funkelten Geschmeide.
Mit dem Aufbrechen der ersten Knospen begab ich mich in die Höhle, um ein ernstes Gespräch mit dem Prinzen zu führen.
„Eure Besuche bei den Damen müsst Ihr nun einstellen“, sagte ich. „Ihr wisst, Ihr seid kein echter Bär, sondern ein Blaublüter mit Verpflichtungen. Bald werdet Ihr die tierische Gestalt verlieren. Dann wünscht Euch Euer Vater an den Hof zurück.“
„Wie soll ich das den Mädchen erklären?“, jammerte der Prinz. „Schneeweißchen liebt mich von ganzem Herzen, und auch ihre scheue Schwester Rosenrot hat endlich Zutrauen zu mir gefasst.“
„Denkt Euch etwas aus. An Fantasie hat es Euch noch nie gemangelt.“
Mit diesen Worten wandte ich mich zum Gehen. Ein Ruck an der Kehle hielt mich auf.
„Wie kommt Ihr an das Medaillon meiner Großmutter?“, brummte der Prinz.
Ich befreite den Schmuck aus seinen ungelenken Tatzen.
„Das habe ich mir sauer verdient.“

Am Abend dieses Tages hatte ich das Ende meines Lebens in der Wildnis feiern wollen. Aber dann trieb mich die Neugier ein letztes Mal hinter dem Prinzen her zum Haus der Schwestern. Ich wollte unbedingt wissen, wie er seinen Abschied erklärte. Was ich durch das Fenster hörte, rollte mir den Bart auf wie ein Schweineschwänzchen. Der Prinz fabulierte von einem bösen Zwerg, der im Frühling aus der auftauenden Erde emporstiege, um die Schätze des Königreiches zu stehlen. Er, der Bär, müsse ihn davon abhalten und sei deshalb für die nächste Zeit verhindert.
Ich schnaubte empört, machte auf den Hacken kehrt und stampfte zur Dorfschenke. Nur der besänftigenden Wirkung des Honigweins, mit dem mich die Wirtin bis zum Scheitel abfüllte, ist zu verdanken, dass ich nichts kaputt schlug.

An dieser Stelle könnte die Geschichte zu Ende sein. Oh, wäre ich froh, wenn sie es wäre! Doch das Schlimmste kam erst noch. Schneeweißchen und Rosenrot, ihrer zotteligen Gesellschaft beraubt, streunten gelangweilt im Wald umher. Es kam, wie es kommen musste: eines Tages begegneten wir uns.
Ich befand mich in einer misslichen Lage. Beim Spalten eines Baumes, den ich zu Feuerscheiten verarbeiten wollte, hatte ich mir die Bartspitze im Holz eingeklemmt.
Da die Mädchen schon einmal da waren, bat ich sie um Hilfe. Zuerst redeten sie dumm daher und lachten, dann zupften sie halbherzig an mir, und schließlich fiel ihnen keine andere Lösung ein, als meine Bartspitze abzuschneiden.
Der Bart ist für einen Zwerg von großer Bedeutung, wir speichern in ihm unser Wissen. Den wenigsten Leuten ist das bekannt – aus gutem Grund. Wüssten die frechen Schüler, wie einfach sie uns unserer Weisheit berauben könnten, wären schon alle Zwerge dieser Erde im Schlaf kahl rasiert worden.
Ich hatte zwar nur wenige Zentimeter eingebüßt, aber in der Spitze steckten meine mathematischen Fähigkeiten. Ohne diese konnte mich jeder Krämer über den Tisch ziehen. Schimpfend schnappte ich den Beutel, in den ich vor den Baumarbeiten meinen Schmuck gesteckt hatte, und machte mich aus dem Staub.
Vom König forderte ich Schadensersatz, schließlich war an meinem Unglück indirekt sein Sohn schuld. Ohne ihn wären Schneeweißchen und Rosenrot schon an entfernte Orte verheiratet worden. Der König, der gerade eine Gesichtsmaske genoss, hörte meine Schilderung gelangweilt an und winkte mich weiter zur Schatzkammer.

Meine Hoffnung, die Schwestern nach diesem Erlebnis nie wieder sehen zu müssen, wurde enttäuscht. Ich angelte friedlich am Bach, als ein dunkler und ein heller Haarschopf durch das Dickicht schimmerten. Vor Schreck machte ich eine unbedachte Bewegung, und mein Bart verhedderte sich in der Angelschnur. Ausgerechnet in diesem Moment biss ein riesiger Fisch an. Beinahe wurde ich von ihm ins Wasser gezogen. Die Mädchen waren gleich bei mir und stellten sich noch ungeschickter an, als beim letzten Mal. Schnipp, der restliche Bart musste daran glauben.
Den Tränen nahe griff ich das Perlensäckchen, mit welchem ich für das erste Bartstutzen entschädigt worden war, und stolperte zum Palast.

All mein Wissen war fort, meinen Beruf als Lehrer konnte ich nicht mehr ausüben. Der König sah ein, dass er dafür tief in die Tasche greifen musste. Ein Säckchen Edelsteine war nur angemessen.
Ich wischte mir über die Augen, dankte und begab mich in die Stadt, wo ich einen Mantel aus feinstem Stoff erstand, der meine zerschlissene und noch immer nach Bär stinkende Jacke ersetzte. Auf dem Rückweg führte ich diesen meinem Freund dem Adler vor, der auf einem Felsen sein Federkleid putzte.
„Ausgesprochen kleidsam, er macht dich zehn Jahre jünger“, befand er.
„Nicht der Mantel macht das, sondern der fehlende Bart“, sprach ich traurig.
„Lass den Kopf nicht hängen, dafür bist du nun reich und funkelst aus allen Knopflöchern. Ich sollte dich mit nach Hause nehmen und für schlechte Zeiten unter die Matratze legen.“
Er krallte sich in meine Schultern und wir balgten scherzhaft.
Doch wer kam just in diesem Moment des Weges? Die unseligen Schwestern! Sie glaubten, mich vor dem Adler retten zu müssen, zerrten an mir und zerrissen dabei den neuen Mantel. Ich brüllte vor Zorn und verzog mich mit meinen Edelsteinen unter den Felsen. Andernfalls hätte ich mich zu einer Gewalttat hinreißen lassen. Es brauchte mehrere Stunden, bis ich mich beruhigt hatte.
„Du hast immer noch ein hübsches Vermögen“, sagte ich zu mir selbst. „Zähle deine Schätze und überlege, was du damit anfangen willst.“
Auf meinem beschädigten Mantel sortierte ich die Steinchen. Es waren genug, um in ein Land auszuwandern, in dem es weder lernunwillige Adlige noch hysterische Weibsbilder gab.
Als wäre dieser Gedanke ihr Stichwort, standen plötzlich erneut die Mädchen vor mir. Sie waren auch in der Stadt gewesen, knabberten an Zuckerstangen und beglotzten meine Edelsteine.
„Was steht ihr da und haltet Maulaffen feil!“, rief ich, und bedachte sie mit wüsten Beschimpfungen. Die beiden blinzelten nur blöde. Ich war kurz davor, die Hand gegen sie zu erheben. Verhindert wurde das von dem Prinzen, der, angelockt von dem Lärm, aus dem Wald herbeischaukelte. Er steckte schon in der Zurückverwandlung, hinter seinen Ohren spross ein Büschel menschlicher Haare und eine Kralle war bereits durch einen Fußnagel ersetzt. Die Kraft eines Bären hatte er aber noch immer. Mit einem einzigen Schlag streckte er mich nieder. Ich verlor das Bewusstsein. Als ich wieder erwachte, taten zuerst nur meine Ohren Dienst. Weder konnte ich mich bewegen, noch die Augen öffnen.
„Ich bin eines Königs Sohn“, hörte ich die Stimme des Prinzen. „Der Zwerg, der mein Gold und die Edelsteinsammlung meines Großvaters gestohlen hat, verbannte mich als Bär in den Wald. Doch jetzt ist der Quälgeist tot, und ich bekomme meine Gestalt zurück.“
„Oh ja, wir sehen es“, sagte Rosenrot.
„Ihr werdet ein stattlicher Jüngling“, kicherte Schneeweißchen.
Ich vernahm, wie sich die Drei schäkernd entfernten. Wie so etwas endet, weiß man ja. Wahrscheinlich hat eine von beiden den Prinzen geheiratet und die andere bekam seinen Bruder ab.

Mich ficht das nicht mehr an. Ich fröne auf einer warmen Insel einem geruhsamen Lebensabend. Nur dauert mich, dass ich meine Weisheit verlor, bevor ich sie an junge Zwerge weitergeben konnte, wie es Tradition ist. Aber den Nachwuchs hätte ich erst einmal finden müssen. Mir scheint, es gibt immer weniger von uns. Persönlich kenne ich nur einen weiteren meiner Art. Der unterrichtet im Nachbarkönigreich des Prinzen, und ich bin seit Monaten ohne Nachricht von ihm. Vielleicht verlor auch er seinen Bart. Vielleicht lebt auch er im Exil.
Nun denn, so sei es. Bei Hofe schätzt man uns nicht. Wenn das so weitergeht, werden wir bald nur noch eine Rasse kleiner Männer sein, reich aber bartlos. Dumme Thronfolger dagegen wird es immer geben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die jemals aussterben.

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