Der Fluss, die Steine und der Tod London
im Jahr 1992. Die Leiche eines Jungen und ein abgetrennter Arm werden
aus der Themse geborgen. Die Ermittler von Scottland Yard gleuben
zunächst an einen Serienkiller und befürchten, dass er
bereits sein nächstes Opfer ins Visier genommen hat. Doch als
tatsächlich ein weiterres Kind verschwindet, müssen Sergeant
Beverly Evans und das Team um Inspektor Sands erkennen, welch perfide
Verstrickungen hinter dem Tod der Kinder stehen. Während Beverlys
private Probleme immer mehr aus dem Ruder laufen, wird beruflich ihre
Zusammenarbeit mit dem Leiter eines zweiten Teams zur
Zerreißprobe. Und als ein weiteres Kind verschwindet, beginnt ein
Wettlauf mit der Zeit.
“Er stand noch immer an der Brüstung, direkt neben dem
Jungen, der hilflos und blind in diesem Sack gefangen war, nicht
ahnend, dass unter ihm ein nasser, eisig kalter Tod lauerte.”
Das Ermittler-Team aus Band 1 "Das Klavier, die Stimme und der Tod" hat
neue Schwierigkeiten zu meistern- privat wie beruflich. Erschienen
2008. Autorin Rita Maria Janaczek 11,90 Euro (incl. 7% MWSt.)
Leseprobe:
Mittwoch, 04. März 1992
Schwer wie Blei lag der Nebel über den Häusern von London. Er
hatte die Stadt den Tag über gefangen gehalten und schien sich zum
Abend hin immer weiter zu verdichten. Die Lichter der Stadt schwammen
trübe in der Feuchtigkeit. Dichte Schleier schwebten über dem
Wasser der Themse und legten sich über das Ufer.
Flussabwärts, am äußersten Zipfel des Bezirks Havering,
leuchteten grelle Strahler unter dem Abendhimmel. Sie ließen den
Nebel weiß und fassbar erscheinen. Etliche Wagen parkten dicht am
abschüssigen Ufer. Das Blaulicht mehrerer Polizeifahrzeuge
schimmerte matt, es verteilte sich mit der feinen Feuchte in der Luft.
Ein riesiger Lastkahn lag notdürftig vertäut in der Nähe
des Ufers. Zwei Taucher stiegen gerade, gestützt von Kollegen,
völlig erschöpft aus der eiskalten Themse.
Sergeant Beverly Evans von Scotland Yard hatte gerade erst
Dienstschluss gemacht als das Telefon geklingelt hatte. Sie hatte ihren
Lebensgefährten Daniel mit einem flüchtigen Kuss
begrüßt, sich fünf Minuten später wieder
verabschiedet, und dabei seinen ärgerlichen Blick ignoriert. Als
sie jetzt zum Ufer der Themse hinunter stieg, kam ihr Sergeant Paul
Manley kreidebleich entgegen. Er war erst im Frühjahr des letzten
Jahres in ihr Team gekommen, er hatte vorher beim Betrugsdezernat
gearbeitet. Beverly sah ihm an, was er nicht zum ersten Mal dachte. Als
Manley sie erreichte blickte er sie kurz an. „Ich hätte in
meiner alten Abteilung bleiben sollen“, schnaufte er.
„So schlimm?“
„Verdammt. Ich pack das nicht.“
„Du darfst es nicht so nah an dich ranlassen.“ Beverly
musterte ihn und befand, dass er wirklich mitgenommen aussah.
„Setz dich in deinen Wagen.“
„Das hatte ich auch vor.“
Beverly setzte ihren Weg fort, sie gelangte an den Rand des Wassers.
Hier verlief der Uferstreifen ein wenig breiter und völlig flach.
Sie konnte erkennen, dass jemand den Tauchern half, ihre
Ausrüstung auszuziehen. Dann sah sie Sergeant Bill Stanton, der
neben etwas schmutzig weißem stand, das auf dem Boden lag.
Beverly ging an den Tauchern und ihrer Mannschaft vorbei auf ihn zu,
sie blieb direkt vor ihm stehen. Jetzt konnte sie erkennen, was das
helle Ding auf dem Boden war. Ein zerrissener Wäschesack.
„War der Tote da drin?“
Bill schüttelte den Kopf, seine blonden wilden Locken wippten wie
Sprungfedern. „Nein, dieser Sack war leer. Er hatte sich zusammen
mit zwei anderen in der Schiffschraube verfangen.“
„Drei Wäschesäcke?“
„Ja. Der eine war durch die Schraube völlig zerfetzt. Das
einzige, was noch in dem Stoff hing, war ein abgerissener Arm. Er ist
schon verpackt“, erklärte Stanton. „Die Leiche liegt
oben. Willst du sie sehen? Kein besonders schöner Anblick, Paul
hat gleich gereihert und sich aus dem Staub gemacht.“
„Ich weiß, ich hab ihn getroffen.“
Sie stapften die Böschung hoch zu den Einsatzwagen der
Spurensicherung. Der Leiche lag auf einer Folie, Beverly betrachtete
sie eine Weile. Bill hatte Recht. Sie war vom Wasser gedunsen und
verfärbt, das Gesicht kaum mehr menschlich, die Extremitäten
lagen derart verkrümmt neben dem Körper, dass es aussah, als
habe die Person keine Knochen besessen. Beverly sah Stanton fragend an.
“Was ist mit den Gliedmaßen?“
„Dr. Morrow sagte, die Schiffschraube hätte das verursacht.
Die Risse im Körper kommen auch daher. Außer der
Bauchschnitt da. Der ist älter.“
„Ein Kind?“, fragte sie matt.
Schweigen. Bill wischte sich mit dem Handrücken über die
Stirn. „Ja, ein Kind. Der Arm stammt vermutlich auch von einem
Kind.“
Beverly blickte auf den vertäuten Lastkahn und auf den Steg, der
vom Ufer hinaufführte. „Wie haben sie’s gemerkt?“
„Die Säcke haben sich in der Schiffschraube verfangen und
den Pott lahm gelegt. Der Schiffsführer hat sich mit einer Firma
in Verbindung gesetzt, die Industrietaucher einsetzt. Von denen ist
dann einer rein. Er hat die Leiche gefunden. Stand ziemlich unter
Schock der Mann.“
„Haben sie mitgekriegt, wo genau die Toten in die Schraube gelangt sind?“, forschte Beverly.
„Weiß ich nicht. Henderson und Sands sind noch auf dem Schiff. Sie befragen gerade die Mannschaft.“
„Wo ist Dr. Morrow?“, wollte Beverly wissen.
„Er ist zurück zum Yard gefahren. Er konnte hier nicht viel tun.“
„Mm.“ Er hat’s lieber fein sortiert auf seinem Seziertisch.
Sie gingen nebeneinander her, auf den Einsatzwagen der Polizeitaucher
zu. Dort stand Superintendent Allister Whitefield in seiner heiß
geliebten, stets fleckig wirkenden Wildlederjacke, mit der Schulter an
den Wagen gelehnt. „Evans, Stanton, hierher!“
Sie stellten sich zu der kleinen Versammlung aus Polizisten und Tauchern.
„Ich werde eine Nachrichtensperre verhängen. Chief
Superintendent O’Brian hat das angeordnet.“ Er fuhr sich
mit seiner großen Hand durch das graue Haar. „Wenn’s
um Kinder geht, bricht immer gleich Panik aus, das können wir
nicht brauchen. Sie wissen schon.“
„Wenn wir es mit einem Psychopathen zu tun haben, vielleicht ein
Serientäter, wäre es da nicht besser, die Bevölkerung zu
warnen?“, gab Beverly zu bedenken.
„Wir sehen uns nachher im Yard“, raunzte Whitefield ohne
auf diesen Gedanken einzugehen. Er drehte sich um und schlurfte mit
hängenden Schultern zu seinem Wagen.
Beverly wandte sich wieder dem Lastkahn zu, der wie ein Geisterschiff
im Nebel lag. Es hatte etwas seltsames, es war wie ein Ruf nach
Gerechtigkeit, dass der Tod der Kinder diesen Titan aus Stahl in die
Knie gezwungen hatte. Jetzt war es ihre Aufgabe, den Mörder dieser
Kinder zu finden. Der Gedanke, dass sie dabei völlig am Anfang
standen beunruhigte Beverly, die Vorstellung, dass jemand da
draußen war, der vielleicht schon sein nächstes Opfer
beobachtete.
Sie ging neben Stanton hinab zu dem provisorischen Steg, der den Kahn
mit dem Ufer verband. Sie warteten schweigend und frierend auf den Rest
des Teams, während sich das Gewirr an Menschen und Fahrzeugen
allmählich lichtete. Als Inspektor Harold Sands und Sergeant
Patricia Henderson über die schmale Bohle zu ihnen gelangten, war
es beinahe elf und sie brachen gemeinsam zu ihren Autos auf.
„Paul wartet im Wagen“, sagte Stanton. Er seufzte.
„Das wird nie was mit ihm“, befand Henderson.
„Er braucht halt mehr Zeit als andere“, warf Beverly ein.
„Noch mehr Zeit?“ Henderson schüttelte
verständnislos den Kopf. „Er sollte sich ins Betrugsdezernat
zurückversetzen lassen.“
Inspektor Sands sah sie scharf von der Seite an. „Es reicht,
Patricia! Die Mordopfer sind Kinder. Pauls Junge ist zwölf. Es ist
doch wohl verständlich, dass ihn das mehr mitnimmt, als jeden von
uns.“
Paul Manley saß noch immer bleich, mit leicht gesenktem Kopf
neben der Pinwand in Whitefields Büro. Beverly betrachtete ihn, er
schien genau zu wissen, dass auch alle anderen Blicke auf ihn gerichtet
waren.
„Paul, jetzt mach dir deswegen keinen Kopf“, versuchte ihn
Patricia aufzumuntern, ganz so, als wolle sie die Worte von vorhin
relativieren. Er sah sie an und seufzte.
Whitefield lehnte sich auf seinem Stuhl zurück, blickte
konzentriert in die Runde und die vertikalen Falten zwischen seinen
Augen schoben sich dabei dicht zusammen. „Zwei tote Kinder.
Vielleicht noch mehr.“ Er senkte den Kopf, als wolle er sich in
kurzem Gedenken vertiefen, dann fuhr er fort. „Ich will, dass Sie
nach Hause fahren. Alle. Im Moment können wir noch nichts tun. Wir
werden morgen um Punkt sechs eine Lagebesprechung halten.“ Er
schnaufte, erhob sich und machte einen Wink mit der Hand. „Punkt
sechs, ist das klar?“
Als Beverly den Schlüssel ins Schloss der Wohnungstür schob,
war es kurz vor Mitternacht. Sie fragte sich, ob sich Daniels
wütender Blick zu einem Stillleben verfestigt, oder er sich
inzwischen beruhigt hatte. In Augenblicken wie diesen sinnierte sie in
letzter Zeit, ob sie nicht doch zu schnell ihre Wohnung aufgegeben
hatte, um bei ihm einzuziehen. Es war seltsam still und als sie durch
die angelehnte Tür des Wohnzimmers spähte, sah sie ihn mit
einem Buch auf der Couch liegen. Sie sog die Luft durch die Zähne
und ging hinein. Er hob kurz seinen strafenden Blick, dann vertiefte er
sich wieder in seine Lektüre. Sie querte den riesigen Raum ohne
ein Wort, während die Holzbohlen leise unter ihren
Füßen knarrten und ging ins Bad. Sie zog sich aus, ihre
Kleidung war klamm vom Nebel, und ging unter die Dusche. Sie
erschauerte, als der warme Strahl ihre kühle Haut benetzte. Sie
schloss die Augen.
Nachdem sie sich abfrottiert hatte, nahm sie den Lippenstift. Sie
schrieb Blödmann auf den Spiegel. Dann ging sie ins Schlafzimmer,
zog einen Slip und sein Pyjamaoberteil an - denn seine Pyjamas wurden
immer gerecht geteilt - und kroch ins Bett.
Donnerstag, 05. März
Es war noch dunkel, durch die gläserne Dachschräge waren
keine Sterne zu sehen. Vielleicht lag noch immer dichter Nebel
über der Stadt, vielleicht war es einfach nur bewölkt.
Beverly tastete über den Rand des Bettes und knipste die Lampe an,
schwaches Licht drang durch den Schirm aus edlem Papier. Sie sah auf
den Wecker, es war noch nicht einmal vier aber sie konnte nicht mehr
schlafen. Sie rollte sich auf die Seite, legte ihren Kopf auf den Arm
und betrachtete den gut aussehenden Mann, der, wenn er so friedlich
neben ihr schlief, keinerlei Probleme machte. Sie hatte nicht geglaubt,
dass es so kommen würde. Sie waren noch nicht einmal ein Jahr
zusammen, aber es gab ständig Streit. Zu Beginn ihrer Beziehung
hatte sie Angst gehabt ihn zu verlieren, bis sie immer stärker
gespürt hatte, dass er derjenige war, der sich an sie klammerte.
Sie wusste ja, warum er das tat. Sie konnte es sogar verstehen. Aber
sie musste inzwischen auch zugeben, dass seine Ängste sie
völlig überforderten. Beverly verschwendete zwar keinen
Gedanken daran, sich von ihm zu trennen - er war schließlich der
Mann den sie wollte - aber so konnte es einfach nicht weitergehen.
Der Nebel hatte sich aufgelöst, es regnete. Die Stadt erwachte so
impulsiv zum Leben, als würde sie beweisen wollen, dass sie jedem
Wetter trotzte.
Beverly hatte die Wohnung verlassen, während Daniel noch schlief.
Sie steuerte den Wagen durch den dichten Verkehr und ärgerte sich
über ihre Scheibenwischer, die schmierig breite Streifen auf der
Windschutzscheibe ihres alten Kleinwagens hinterließen. Als sie
ihr Auto parkte, stieg Sands gerade aus dem Wagen. Er
begrüßte sie mit einem Lächeln, dann gingen sie
nebeneinander her zum Aufzug. Während sie sich schweigend
gegenüber standen, betrachtete sie ihn verstohlen, seine hoch
gewachsene Statur, seine ebenmäßigen, klassisch schönen
Gesichtszüge. Sie erinnerte sich daran, dass er sie genauso viel
Kraft gekostet hatte, wie es jetzt Daniel tat. Nur, dass mit Sands nie
etwas war, außer, dass sie viel, zuviel Zeit mit der Verzweiflung
darüber verbracht hatte, dass sie ihn nicht hatte haben
können. Er war verheiratet. Wahrscheinlich wusste er nicht einmal,
was sie die ganze Zeit für ihn empfunden hatte.
Paul Manley sah inzwischen erholt aus. Beverly hatte im Laufe der
vergangenen Monate - sie waren ja oft gemeinsam unterwegs gewesen -
sehr genau gespürt, wie es nervlich immer weiter mit ihm bergab
ging. Als er im Mai letzten Jahres seine Versetzung zur Mordkommission
in der Tasche gehabt hatte, da hatte er noch geglaubt, er habe das
große Los gezogen. Doch inzwischen schien ihn jeder Fall
dünnhäutiger zu machen. Er hatte es bislang tunlichst und
immer trickreich vermieden, den Autopsiesaal zu betreten, und Beverly
hatte sein Verhalten stets gedeckt. Außer ihr wusste nur Sands,
dass Paul noch keinen Fuß in Dr. Morrows Reich gesetzt hatte.
Aber die Leichen am Tatort anzusehen, das hatte sich nicht umgehen
lassen, und bereits das hatte Paul jedes Mal umgehauen.
Das Klingeln des Telefons holte sie aus ihren Gedanken. Whitefield hob
ab. Er drückte sein Ohr an den hellgrauen Hörer und sah
Beverly an. „Ja, ich sehe mal nach“, raunte er. Dann hielt
er die Sprechmuschel mit seiner Hand zu. „Es ist Fleming,
für Sie Evans.“
Herr je, wann hörst du endlich damit auf, Daniel? Sie sah Whitefield an und schüttelte den Kopf.
Der Superintendent nahm die Hand von der Muschel. „Sie ist in einer wichtigen Besprechung.“ Dann legte er auf.
Es würde heute nicht sein letzter Anruf sein, das wusste Beverly.
Mr. Daniel Fleming, ich schwöre dir, das gibt Ärger!
Kurz nach sechs war das Team komplett. Whitefield heftete die Fotos an
die Pinwand, die die Techniker bereits am späten Abend entwickelt
hatten. Manley vermied es sie anzusehen. Inspektor Sands nahm eine rote
Nadel, mit der er genau die Stelle auf der Stadtkarte markierte, an der
sich gestern das vertäute Schiff befunden hatte. „Der
Ausfall der Schiffschraube wurde flussaufwärts, ungefähr in
Höhe der Ford-Werke im Stadtteil Dagenham, registriert.“
Sands markierte auch diese Stelle auf der Karte und betrachtete sie
einen kurzen Moment. „Es gibt mehrere Wege, auf denen die Leichen
der Kinder in den Fluss gelangt sein könnten. Von einem Schiff
aus, von einer Brücke oder vom Ufer, vielleicht auch durch die
Regenwasserkanalisation.“ Er sah kurz in die Runde der
Mitarbeiter, ganz so, als wolle er sicher gehen, dass jeder aus seinem
Team den Ausführungen folgte. „Die Leichen wurden in
Wäschesäcke verpackt“, fuhr Sands fort. „Diese
speziellen Säcke werden von Großwäschereien verwendet,
zum Kundenstamm gehören in erster Linie Kliniken und Hotels. Unser
Täter könnte also in einer Großwäscherei arbeiten,
oder Zugang dazu haben. Vielleicht hat er Angehörige, Freunde oder
Bekannte, die dort tätig sind. Es ist auch denkbar, dass er dort
mehrere dieser Säcke entwendet hat. Er könnte auch
Mitarbeiter einer Klinik oder eines Hotels sein. Wir haben letztendlich
eine Spur mit Tausenden von Optionen, die solange wertlos ist, bis wir
sie durch weitere Details ergänzen und die Ermittlungen eingrenzen
können.“ Er ging an seinen Platz zurück, warf dabei
einen kurzen Blick aus dem Fenster und setzte sich. Whitefield strich
sich mit der Handfläche über das Kinn, er sah grübelnd
auf die Karte. Dann räusperte er sich. „Es wird schwierig
den Jungen zu identifizieren. Er hat zu lange im Wasser gelegen. Wir
haben einen forensischen Anthropologen angefordert. Vielleicht kann er
das Kind anhand von Gebiss oder Knochen identifizieren. Was den Fundort
der Leiche betrifft ... unsere Taucher werden noch mal runtergehen.
Vielleicht finden sie das zweite Kind. Sie wissen schon. Das Kind zu
dem der Arm gehört.“
Beverly hatte bis zum Mittag sämtliche Adressen Londoner
Wäschereien herausgesucht. Paul hatte sie aufgelistet und auf
einem Stadtplan sorgfältig markiert. Nebenher hatte er routiniert
zwei Anrufe von Daniel abgewimmelt.
Im Stadtteil Dagenham gab es zwei Großwäschereien, eine
davon lag im Industriegebiet, unweit der Themse. Es war eigentlich zu
einfach, aber Beverly beschloss, dorthin zu fahren. Sie meldete sich
mit ihrer Information bei Harold Sands ab und nahm Paul Manley ins
Schlepptau. Sie nahmen seinen Wagen. Während er fuhr betrachtete
Beverly ihn von der Seite. Er war nicht gerade ein Traumtyp, aber auf
seine besondere Art war er dennoch attraktiv. Dunkle Augen, braunes
volles Haar, meistens schmückte ein gepflegter Dreitagebart sein
Gesicht. Er war nicht besonders groß und wenn Sands, Stanton und
Manley einträchtig nebeneinander standen, sahen sie aus wie
Orgelpfeifen, wobei letzterer auch der kleinste war.
„Was hat dich dazu bewogen, diese Wäscherei anzuvisieren?
Die Lage?“ Manley sah sie kurz an und brachte den Wagen vor einer
roten Ampel zum Halten.
„Ja, exakt. Die Lage ... und mein Gefühl“,
antwortete sie bestimmt. „Ich will nichts von vornherein
ausschließen“, ergänzte sie, „wir arbeiten gegen
die Zeit. Irgendwo müssen wir anfangen.“
Die Ampel schaltete um, der Wagen rollte im dichten Verkehr weiter.
Dagenham grenzte im Süden an die Themse, war ringsum von den
Stadtteilen Newham, Redbridge und Havering umgeben. Sie folgten der
Beschilderung zum Industriegebiet, Beverly war monatelang nicht mehr in
diesen Teil Londons gefahren. Als die stillgelegten Hallen von Doggers
and Wilkens an ihnen vorbeizogen, stieg die Erinnerung unvermittelt und
heftig in ihr hoch, die Erinnerung an einen Einsatz, der Sands beinahe
das Leben gekostet hatte. Sie lehnte sich zurück, schloss die
Augen und wunderte sich darüber, wie nah das alles auch nach fast
einem Jahr noch war.
Als sie vor dem hohen verriegelten Tor der Wäscherei hielten,
blies Manley die Luft durch die Zähne. Sie stiegen aus dem Wagen,
er verschränkte seine Arme, ohne den Blick von dem langen flachen
Gebäude zu nehmen. Türen und Fenster waren verschlossen,
keine Menschenseele war zu sehen und drinnen schien es dunkel zu sein.
„Stillgelegt“, sagte er leise, er sah Beverly respektvoll
an.
„Anscheinend“, entgegnete Beverly knapp. Sie ging ein paar
Schritte auf das Tor zu und drehte sich zu ihm um. „Wenn ich mir
vorstelle …“ Sie sprach nicht weiter, blickte die
Straße entlang. Etwa hundert Meter entfernt war ein schwarzer
Jaguar eingebogen und fuhr ein Stück auf sie zu. Er hielt, dann
setzte er plötzlich zurück.
„Paul, kannst du die Nummer erkennen?“, fragte Beverly hastig.
Dann bog der Jaguar ab und verschwand.
„Verdammt, das war zu schnell.“ Manley riss die Wagentür auf. „Sollen wir ihm folgen?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Er würde Dich abhängen.“
„Nette Anspielung auf mein Auto“, bemerkte er und kniff die Augen zusammen. „Und was jetzt?“
„Zurück ins Büro“, entschied sie,
„herausfinden wem das Gelände gehört, Termin
vereinbaren, das Übliche.“ Sie stiegen in den Wagen und
fuhren los. Beverly ließ ihre Blicke schweifen, aber der Jaguar
war nirgendwo zu sehen.
Beverly ignorierte die Notiz auf ihrem Schreibtisch. Bitte Daniel im
Institut zurückrufen. Den Teufel werd’ ich tun. Sie
zerknitterte das Papier und warf es in den Mülleimer.
Sie vertiefte sich mit Paul in die Arbeit. Nach drei Tassen Kaffee und
etlichen Telefonaten wusste sie Bescheid. Die Großwäscherei
in Dagenham gehörte einem gewissen Geoffrey Banks.
Als sie Inspektor Sands diesen Namen mitteilte, fasste er sich kurz an
die Stirn. „Geoffrey Banks?“ Dann stand er auf, ging zur
Tür des Büros, sah erst Manley, dann Beverly an.
„Wartet hier.“
Als er im Korridor verschwunden war, ließ Paul seinen irritierten
Blick im leeren Türrahmen haften. „Was war denn das
jetzt?“
„Ein Geistesblitz nehme ich an.“
„Er kennt diesen Mann?“, forschte Manley.
„Zumindest muss er den Namen irgendwann mal gehört haben.“
Sie schwiegen eine Zeit lang, dann sah sie Paul direkt in die Augen.
„Ich werde gegen Abend noch zu Dr. Morrow gehen. Du kommst
mit!“
Er starrte sie an, der Blick eines ausgesetzten Hundes hätte nicht Mitleid erregender sein können. „Ich?“
„Siehst Du hier sonst noch jemanden?“
Paul seufzte, wollte noch etwas erwidern. In diesem Augenblick kam
Sands mit zwei Aktenordnern zurück. Er legte sie mitten auf den
Schreibtisch, sah auf und zog eine Augenbraue hoch. „Der Fall
Geoffrey Banks.“
Beverly arbeitete die Unterlagen durch, bis sie sich ein genaues Bild
machen konnte: Lucilla Banks hatte vor knapp sieben Jahren noch Lucilla
Bowman geheißen. Sie war damals dreiundzwanzig, eine Frau, die
fantastisch aussah, Politik studierte, um sagen zu können, dass
sie studierte, und die allen Männern den Kopf verdrehte. Im Januar
1985 lernte sie Geoffrey Banks kennen, vermögend und doppelt so
alt wie sie selbst, sie warf ihr Studium hin. Im Oktober des gleichen
Jahres wurde sie Mrs. Banks und im Mai 1986 war sie plötzlich
Witwe, zu plötzlich, wie die Ermittler von Scotland Yard befanden.
So spekulierten Polizei, Presse und Öffentlichkeit über
Wochen, ob der Autounfall, der Geoffrey Banks das Leben gekostet hatte,
womöglich gar kein Unfall war. Es gab Gerüchte über
einen Geliebten, der den Gatten ins Jenseits befördert haben
könnte, aber es gab keine Beweise. Die Defekte an den
Bremsleitungen unter der Motorhaube stammten einzig und allein von
Mardern. Aber der ungeheuerliche Verdacht, Lucilla Banks selbst
könnte diese Tiere in die Garage gesperrt haben, wurde von der
Staatsanwaltschaft verworfen. So blieben ihr weitere Ermittlungen
erspart und sie tröstete sich mit dem imposanten Vermögen
ihres verblichenen Gatten.
Es war kalt, der Korridor neonbeleuchtet. Ein seltsamer Geruch lag in
der Luft. Beverly wusste, allein das schweißte Paul Manley mit
den Sohlen seiner schwarzen, glänzend polierten Schuhe an die
hellen Fußbodenfliesen. Er vergrub seine Hände in den
Hosentaschen seines Anzugs, ganz so, wie es Sands manchmal tat, wenn er
nachdachte, und blieb mitten im Flur stehen. „Ich warte hier auf
dich“, sagte er wie selbstverständlich und Beverly sah
Schweiß auf seiner Stirn glänzen.
„Komm wenigstens bis zur Tür mit“, drängte sie.
Er schüttelte den Kopf und sah sie an, als habe sie gerade verlangt, er solle sich in einen Sarg legen.
„Dann warte hier.“ Sie folgte dem Korridor bis zum
Autopsiesaal und schob die Tür auf. Dr. Morrow streifte gerade
seine Handschuhe ab, ein Sektionsdiener verschwand mit einem langen
Knochenstück Richtung Waschbecken. „Evans“,
begrüßte er sie tonlos, rief dann seinem Mitarbeiter eine
Anweisung hinterher.
„Gibt’s was Neues?“, fragte sie kurz und warf einen
Blick auf die Reste des Kindes, die auf dem kühlen Edelstahl
lagen. Dr. Morrow schaltete das Diktafon aus, er sah sie aus seinen
grauen Augen an. Beverly spürte jedes Mal einen Moment kalten
Erschreckens, wenn er das tat. Er war wie die Umgebung, in der er
arbeitete, kalt, klinisch und unheimlich. Irgendwann im Laufe seiner
Tätigkeit als Pathologe musste er seine Seele abgegeben haben. Sie
kannte niemanden außer Dr. Morrow, der derartig abgestumpft war.
Er rieb sich die Unterarme, bedächtig, dann ließ er seinen Blick über den Seziertisch wandern.
„Getötet wurde der Junge vermutlich mit einem Bolzenschussgerät.“
„Mit einem …?“
„Sie haben schon richtig gehört. Bauchdecke und Magen wurden
geöffnet. Die Leiche hat etliche Wochen im Wasser gelegen, sieht
nur deshalb so frisch aus, weil das Wasser kalt genug war.“
Frisch? „Und der Todeszeitpunkt?“
„Liegt etwa fünf bis zehn Wochen zurück.“
„Geht das nicht genauer?“ , fragte Beverly und bereute sofort ihren ungeduldigen Unterton.
„Das ist extrem genau“, schnarrte Dr. Morrow ungehalten-
„Wir haben es hier mit einer Wasserleiche zu tun!“
Beverly wich seinem wütenden Blick aus, sah ihn jedoch wieder an,
als er fortfuhr: „Das Wadenbein rechts war zweimal gebrochen.
Alte Verletzungen, nicht das, was die Schiffschraube verursacht hat.
Ich habe den entsprechenden Teilbereich entfernt und im Säurebad
vorbereitet. Morgen früh wird Dr. Chandler den Knochen unter die
Lupe nehmen. Dann werden wir wissen, wie weit die Brüche
zurückliegen. Wollen Sie sonst noch was wissen?“
„Irgendwelche Besonderheiten?“
„Nein.“
„Untersuchung der Gewebeproben?“
„Dauert noch.“
„Was ist mit dem einzelnen Arm?“
„Kommt morgen dran.“
„Rufen Sie kurz durch, wenn Sie näheres wissen?“
„Nein, Sie können vorbeikommen.“
„Gut, dann machen wir er so.“
Während sie den Autopsiesaal verließ, sog sie langsam die
Luft durch die Zähne. Wäre ja auch unter seiner Würde
gewesen.
Manley stand noch genau da, wo sie sich vorhin getrennt hatten. Er
setzte sich prompt in dem Moment in Richtung Aufzug in Bewegung, als er
sie kommen sah.
„Jetzt aber langsam Paul. Warte gefälligst auf mich.“
Er hielt, bis sie aufgeschlossen hatte, dann setzten sie gemeinsam
ihren Weg fort. Im Aufzug taxierte sie ihn. „Was genau ist
es?“, fragte Beverly.
Er zuckte mit den Schultern.
„Du hast dich doch bei der Mordkommission beworben.“
„Ja.“
„Mord … kommission“, wiederholte sie.
Er sah sie schweigend an.
„Aber du hast gar nicht gewusst, dass es da um Leichen geht“, flüsterte sie provokant.
„Beverly ...“
„Aber du musst doch gewusst haben, was auf dich zukommt.“
„Natürlich hab ich das gewusst.“
„Und?“, forschte sie.
„Ich hab geglaubt, ich könnte es locker wegstecken. Jetzt weiß ich, dass ich das eben nicht kann.“
„Du sollst es auch nicht locker wegstecken. Das macht keiner von
uns. Du musst einen Weg finden, damit umzugehen. Das ist das Ganze.
Dich abgrenzen, nicht ständig darüber nachdenken.“
Sie verließen den Aufzug und gingen zum Büro.
„Das sagt sich so leicht“, entgegnete er matt.
„Du musst endlich anfangen dich selbst herauszufordern. Solang du
diese Situationen meidest, wird die Angst davor wachsen. Irgendwann
wirst du über deinen Schatten springen müssen, Paul.“
„Oder der Mordkommission den Rücken kehren“, ergänzte er leise.
Daniel Fleming, was machst du gerade? Beverly öffnete die
Wohnungstür, hängte ihren Mantel an die Garderobe und ging
ins Bad, um sich die Hände zu waschen. Kein Psychologe im
Wohnzimmer. Sie spähte in die Küche, wo er gerade eine Kanne
Tee aufgoss, sein missbilligender Blick streifte sie.
„Warum hast du nicht zurückgerufen?“
„Daniel, ich habe dir hundertmal gesagt, du sollst nicht hinter mir her telefonieren“, antwortete sie schroff.
„Vielleicht war es wichtig“, entgegnete er vorwurfsvoll.
„Und, war’s wichtig?“
Er schwieg.
„War es wichtig?“, fragte sie gereizt.
„Nein.“
„Du machst mich noch unmöglich.“
„Ich hatte ja keine Gelegenheit dich heute Morgen zu sprechen.“
„Die hattest du gestern. Da wolltest du nicht“, erinnerte sie ihn.
Er nahm das Teesieb aus der Kanne und legte es in die Spüle.
„Ich will doch nur wissen, ob es dir gut geht“, sagte er matt.
„Herrgott noch mal, das wirst du auch dann nicht wissen, wenn du
tausendmal am Tag anrufst. Ich könnte ja gerade dann erschossen
werden, wenn ich den Hörer wieder auflege.“
Er starrte sie an. Das, genau das, hätte sie besser nicht sagen
sollen. Sie suchte nach Worten, um es zu relativieren, vergeblich. Das
hast du ja toll gemacht Evans, kippst auch noch Öl aufs Feuer.
Einen kurzen Moment lang standen sie sich schweigend gegenüber. Dann verließ er die Küche ohne ein Wort.
„Sei verdammt noch mal nicht immer so empfindlich, Daniel!“
Was sagst du denn da? Dann hörte sie nur noch, wie die
Wohnungstür ins Schloss fiel.
Es war schon spät. Beverly war einfach zu müde, um noch auf
Daniel zu warten. Sie duschte und ging zu Bett. Während sie dalag
lauschte sie in die Stille. Er hatte Angst, sie zu verlieren. Das
wusste sie. Doch allmählich verrannte er sich in diese Angst. Es
gab ja schließlich viel zu viele Dinge, die passieren konnten.
Allein der Gedanke daran, dass sie bei der Mordkommission arbeitete,
dass sie genau deshalb, zumindest aus seiner irrationalen Sicht,
bereits mit einem Bein im Grab stand, hatte ihn inzwischen völlig
neben die Spur gebracht. Dann bestand da noch die Gefahr, sie an einen
anderen Mann zu verlieren. Sie hätte auch krank werden und sterben
können, oder bei einem Unfall ums Leben kommen. Und so war Daniel,
wenn er nicht gerade im Institut arbeitete, vollauf damit
beschäftigt, dieses Dilemma zu kontrollieren, die Risiken zu
minimieren und alle Eventualitäten auszuschließen.
Beverly war beinahe schon eingenickt, als er ins Bett kam. Er lag
reglos, leise atmend neben ihr in der Dunkelheit. Vorsichtig tastete
sie nach ihm, ließ ihre Finger in seinen Haaren spielen. Sie
waren kalt und klamm von der Nachtluft, durch die er gelaufen war. Nach
einer Weile drehte er sich zu ihr um und zog sie an sich.
Aktuell:
Ausschreibungen
Über
den Verlag
Der
Machandel Verlag der Haselünner
Autorin
Charlotte Erpenbeck entstand, um ein einzelnes heimatgeschichtliches Buch zu veröffentlichen.. Aber wie es so schön
heißt, wenn man erst einmal Blut geleckt hat...
Kurz und gut, was einmal ein kurzfristiges Hobby sein sollte,
hat sich zu einem veritablen Kleinverlag gemausert.
Mehr darüber finden Sie hier.